sofieaeschlimann

  • 14. März 2024
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  • 8521 Punkte
  • 📚📖 taucht erst wieder auf, wenn das Buch fertig gelesen ist
    ❤️ Neuerscheinungen, Lyrik, Schweizer Literatur - alles, was vorsichtig und neugierig mit Sprache umgeht

  • Der neue Roman von Angelika Overath erzählt von drei Menschen, die ihre Beziehungen neu ausloten. Parallel dazu verläuft eine Zugfahrt, die quer durch Europa führt, von Chur nach Istanbul.

    Baran war in Chur und fährt jetzt nach Hause nach Istanbul. Dort wohnt er mit seinem Partner Cla zusammen, der ursprünglich aus dem Engadin kommt und vorher mit Alva zusammen war. Alva wohnt mit dem gemeinsamen Kind in Chur, Baran und Cla haben sie über den Sommer besucht. Jetzt wird es Herbst, Cla musste schon früher abreisen und ist geflogen, aber Baran fliegt nicht mehr. Nicht einmal aus Klimagründen, sondern weil er sich an Flughäfen entfremdet fühlt (hier wäre vielleicht ein Vergleich mit Overaths Roman Flughafenfische möglich, wo es ja auch um die Künstlichkeit von Flughäfen geht).

    Jeder Streckenabschnitt von Barans Reise wird mit dem Blick der Reporterin geschildert, Sargans, Graz, Zagreb, Sofia. Gleichzeitig wird die Reise mit Barans Gedanken verflochten. Manchmal denkt er über die Orte nach, an denen er durchfährt, oder die Menschen, denen er begegnet. Immer wieder beschäftigt er sich aber mit seiner Beziehung zu Cla, der sich von ihm entfernt, und zu Alva, der er näher kommt. Wer steht wo in diesem Dreieck aus Menschen, die einander alle sehr gern haben?

    Die Figuren werden deutlich in ihrem Charakter, sie entfalten sich in ihren Widersprüchen. Charakterisiert werden sie oft mit kleinen Beobachtungen, mit Quitten oder Wanderschuhen zum Beispiel, und in allen diesen Dingen steckt eine Geschichte, die etwas über die Figuren erzählt.
    Der Roman ist unaufgeregt, fast schon sachlich, aber gleichzeitig sehr poetisch, zum Beispiel wenn es darum geht, die Nuancen zwischen den Menschen einzufangen. Typisch für Overath ist auch der Blick auf kleine poetische Dinge, etwa die Assonanzen in den Namen Baran, Cla und dem Wort “Branclada” (Umarmung), das Baran als Gruss in einer Nachricht schreibt.

    Unschärfen der Liebe zeigt, wie überwältigend die Schattierungen von Liebe sein können, und wie schön es sein kann, langsam zu reisen.

  • Zwei Filmemacher wollen einen Film über Peter Stamm drehen. Also schreibt Stamm ein Buch über zwei Filmemacher*innen, die einen Film über einen Schriftsteller drehen wollen.

    Ein solches Spiel mit mehreren Ebenen, die sich verschränken, ist typisch für Stamm. Er kann die Ebenen innerhalb weniger Absätze verschwimmen lassen: Zum Beispiel treffen sich Andrea und Tom, die Filmemacher*innen, mit dem Schriftsteller Richard Wechsler in einem Café in Paris. Später ist Wechsler in Andreas Hotelzimmer, aber das denkt sie sich nur aus, denkt an der Begegnung weiter, und noch einmal später taucht diese Szene dann unter dem Filmmaterial auf Andreas Computer auf, dabei wurde sie gar nicht gefilmt. Oder doch? Solche Verschiebungen geschehen ganz unbemerkt, da Stamm immer im Indikativ schreibt (ohne »hätte« oder »wäre«). Dadurch entsteht eine schillernde Stimmung, in der alles möglich scheint. Was tatsächlich passiert ist und was sich die Figuren nur vorstellen, kann kaum entschieden werden. Und warum sollte es auch, schliesslich ist ja der ganze Text nicht tatsächlich passiert, sondern von Stamm erfunden worden.

    Anordnungen mit mehreren Ebenen gibt es bereits in anderen Texten von Stamm. Im neuen Roman kommt allerdings eine Ebene dazu, die die Komplexität erheblich erhöht. Es gibt ja nicht nur den Film im Roman über den Schriftsteller Wechsler, sondern noch den echten Film über den echten Schriftsteller Stamm. (Die Romanfigur Wechsler entspricht übrigens natürlich nicht dem realen Schriftsteller Stamm, obwohl sie ein paar Gemeinsamkeiten haben.) Der Film im Roman scheitert, Andrea und Tom entfremden sich. Den echten Film aber gibt es, er heisst Wechselspiel und wurde am 22. Januar 2023 in der Sternstunde Kultur gesendet. In diesem Film geht es um den realen Schriftsteller Stamm, der in Paris in einem Atelier schreibt, durch sein Heimatdorf Weinfelden geht oder mit einer Pfarrerin spricht. Es geht im Film aber auch um Andrea und Tom, die von zwei Schauspieler*innen gespielt werden und erzählen, warum ihr Film gescheitert ist. Dabei sprechen sie unter anderem Texte aus Stamms In einer dunkelblauen Stunde (weshalb ich empfehlen würde, zuerst den Roman zu lesen). Sie sprechen aber auch die Interviewfragen an den realen Autor Stamm, was ein Sprung zwischen den Ebenen, eine Metalepse ist. Der Film Wechselspiel ist damit genau so eine spielerische, schillernde Mischung aus Fakt und Fiktion wie der Roman.

    Zusammengefasst: Zwei Filmemacher wollen einen Film über Stamm drehen, also schreibt Stamm einen Roman über zwei Filmemacher*innen, die einen Film über einen Schriftsteller drehen wollen, und im Film über Stamm geht es dann auch um diesen Film. Zusätzlich hat Stamm in seinem Roman das Medium des Films berücksichtigt. Zum Beispiel wird eine bestimmte Bildeinstellung beschrieben oder die Szenen werden durch Schnitte voneinander separiert.

    Wer findet, das klinge jetzt aber sehr kompliziert – das ist es beim Lesen nicht. In einer dunkelblauen Stunde ist genau so sanft und sprachlich präzise wie alle anderen Texte von Stamm. Man muss sich um die Vermischung von Ebenen beim Lesen nicht kümmern, es ist auch einfach ein schöner Roman über eine orientierungslose, schnoddrige Filmemacherin, einen zurückgezogen lebenden Schriftsteller und dessen Jugendliebe.

  • Susanna ist angenehm zu lesen und interessant. Besonders schön fand ich die Einordnung in den historischen Kontext: Wie lebt eine gut situierte Familie im Basel des 19. Jahrhunderts? Wie erlebten die Menschen die Elektrifizierung Ende des 19. Jahrhunderts? Capus schildert anschaulich und gleichzeitig historisch informiert, wie sich zum Beispiel die Wahrnehmung der Nacht durch die Strassenbeleuchtung veränderte.

    Der Roman hat allerdings zwei Probleme: Das erste Problem wurde bereits in anderen Rezensionen angesprochen, wenn Leser*innen in ihren Erwartungen enttäuscht wurden. Tatsächlich lenken die Paratexte (der Text auf der Rückseite des Buchdeckels und auf der Innenseite) die Aufmerksamkeit auf ein Ereignis, das erst auf den allerletzten Seiten geschieht. Susanna trifft Sitting Bull! Das führt dazu, dass man beim Lesen immer auf dieses versprochene Ereignis wartet. Wann passiert endlich das, was auf dem Buchdeckel beschrieben wurde? Sobald sich diese Begegnung dann endlich ereignet hat, ist der Roman auch schon unvermittelt zu Ende.

    In der Erwartungshaltung der Leser*innen scheint alles, was vorher passiert, weniger wichtig, schliesslich wurde ja in den Paratexten etwas anderes angekündet. Es besteht also ein Missverhältnis zwischen Paratexten und Roman. Denn was vorher passiert, ist durchaus nicht unwichtig und vielleicht der bessere Teil des Romans. Wenn der Text auf dem Buchdeckel einen anderen Fokus legen würde, wäre dieses Problem wohl schon gelöst.

    Das zweite Problem betrifft die Protagonistin. Sie wird oft als unnahbar beschrieben, die Leser*innen können sich nicht in sie hineinversetzen. Dadurch ensteht die Vermutung, dass auch der Autor selbst nicht so genau wusste, wer seine Protagonistin eigentlich ist. Ob das nun schlecht ist, ist nicht gesagt. Es geht ja um eine historische Person, die Capus recherchiert hat, und von der er bestimmt nicht alles herausgefunden hat. Diese Distanz zu markieren, scheint mir nicht per se ein Minuspunkt zu sein. Allerdings lese ich schon nur bei einer kurzen Recherche auf Wikipedia zu Susanna eine etwas andere Charakterisierung als bei Capus (mag sein, dass Wikipedia falsch liegt). Susanna wird dort als Bürgerrechtsaktivistin für die Lakota beschrieben, die ein deutlich grösseres Engagement zeigt und weit besser vorbereitet ist als bei ihrem Fan-Ausflug im Roman, den sie mehr ihrem Sohn zuliebe als aus eigenen Interessen macht.

    Dass der Sohn noch auf der Rückreise an einer Sepsis stirbt und Susanna für den Rest ihres Lebens aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwindet, wird im Roman elegant verschwiegen. Es würde vielleicht auch nicht zu Capus’ grundsätzlicher Einstellung »Das Leben ist gut« passen. Dieser immer mitschwingende Optimismus macht den Roman aber trotzdem lesenswert.

  • Der Student Neil bewundert seine Dozentin Elizabeth Finch. Nach ihrem Tod versucht er, diese souveräne und skurrile Frau zu verstehen. Sie ist aus der Zeit gefallen, hat ihn als Mentorin aber stark geprägt. Neil möchte ihr Denken nachvollziehen und herausfinden, wer sie war.
    Dabei merkt er, dass das kaum möglich ist. Wie soll man aus den widersprüchlichen, verstreuten Eindrücken einer Person eine zusammenhängende Lebensgeschichte formen, wie das Biografien tun? Können wir Menschen überhaupt kennen?

    Neils Tonfall ist frotzelnd, er spricht die Leser*innen direkt an und korrigiert seinen Text, wie wenn er direkt schreiben würde: “Nein, Streichen Sie das wie.” Schon damit hatte ich etwas Mühe. Dazu kommt, dass der gesamte mittlere Teil des Romans ein Essay über Julian Apostata ist, einen frühchristlichen Kaiser. Die Rezeption dieser Figur in Pamphleten, Theaterstücken und Gedichten aus den letzten zweitausend Jahren wird nachgezeichnet, inklusive zahlreicher Zitate. Das fand ich ermüdend und etwas gesucht.

    Ich konnte mit dem früheren Roman Der Lärm der Zeit deutlich mehr anfangen, aber andere Leser*innen könnten Elizabeth Finch bestimmt mögen.

  • Heinz Helles Wellen ist das literarische Gegenstück zu Julia Webers Vermengung. Das Autor*innenpaar lebt mit den gemeinsamen Kindern in Zürich. Beide befassen sich in ihren aktuellen Büchern mit dem Verhältnis von Literatur und Alltag, von Kindern und Kunst und suchen nach neuen Formen dafür.
    Weber hat dabei ein neues Format geschaffen, eine Vermengung aus Roman und Autofiktion, zu der Dialoge mit den Romanfiguren gehören. Helles Buch ist dagegen eher eine klassische Autofiktion, die ich mit grossem Genuss gelesen habe.

    In Helles Roman mischen sich alltägliche Szenen mit Reflexionen, zum Beispiel:
    Der Erzähler sitzt frühmorgens mit seinem Notizbuch in der Küche und überlegt sich, welche Ausrichtung der Roman haben soll, an dem er arbeitet. Da kommt seine kleine Tochter in die Küche und setzt sich verschlafen auf seinen Schoss, »und das Gefühl, das ich zu Text hatte machen wollen, löste sich auf in der Wärme ihres Rückens und dem Geruch ihrer Arme, und ich konnte spüren, wie etwas in mir diesen Vorgang bejahte und mich schwerer und fester und solider und stärker verwurzelte im Hier und Jetzt«, und schließlich nimmt die Tochter den Stift und zeichnet etwas ins Notizbuch (S. 262).

    Diese Szene ist typisch für Helles Roman: Es ist eine Szene aus dem Alltag eines Vaters und Schriftstellers, die liebevoll in Sprache gefasst wird. Charakteristisch ist die Aneinanderreihung mit »und«. Viele Abschnitte und ganze Kapitel des Romans beginnen mit einem »und« oder »und dann«. Das gehört zum Modus der Wellen, den Helle für seinen Roman gefunden hat. Wie Wellen gehen die Abschnitte ineinander über, Gefühle tauchen auf, verschwinden wieder, es geht immer weiter.

    In der Szene macht der Erzähler auf einer Metaebene Reflexionen über seinen Text und wird von seiner Tochter im Hier und Jetzt unterbrochen. So simpel, dass die Literatur die Metaebene und die Kinder die alltägliche Ebene bilden würden, ist es aber natürlich nicht. Der ganze Text ist ja Literatur, sowohl die Beschreibung des Alltags als auch die Reflexionen über Literatur. Und diese Literatur entsteht erst durch die Wechselwirkung mit dem Alltag. Dazu könnte man die Szene symbolisch lesen: Die Tochter zeichnet ins Notizheft, in das der Erzähler Notizen für seinen Roman schreiben wollte. Sie prägt damit den Roman mit ihren Ideen, ihren Erlebnissen und Bedürfnissen, ihrer ganzen Existenz.

    Dazu kommt, dass Helle die ganze Situation im Nachhinein aufgeschrieben und zu Literatur gemacht hat. Dieses Paradoxon bei autobiografischem oder autofiktionalem Schreiben thematisiert Helle selbst: dass zwar Dinge aufgeschrieben werden, die eine Person erlebt, aber das muss im Nachhinein aufgeschrieben worden sein, denn während man etwas erlebt, kann man ja nichts aufschreiben.

    In ähnlicher Weise wird in Helles Roman nicht nur über Literatur, sondern auch über Politik, Philosophie, Gewalt oder Gender reflektiert. Helle setzt sich mit Männlichkeitsbildern auseinander, hadert mit seinem eigenen Männlichkeitsbild, liest Texte dazu (die er in seinem eigenen Text zitiert), arbeitet an einem neuen Männlichkeitsbild, theoretisch und ganz praktisch, stösst an seine Grenzen, hadert mit sich selbst. Verletzlichkeit und Unvollkommenheit werden ebenso gezeigt wie schöne, kleine Momente. Damit ist Helles Roman ein wunderbares Stück Gegenwartsliteratur.

  • Zu Beginn hatte ich etwas Mühe, aber am Ende wollte ich nicht, dass das Buch schon aufhört.

    Julia Weber erkundet die Vermengung von Alltag und Kunst und die ganz körperliche Vermengung von sich mit ihren Kindern, besser gesagt die Vermengung der autofiktionalen Ich-Erzählerin Julia mit deren Kindern. Das Buch beginnt, als die Erzählerin Julia mit dem zweiten Kind schwanger wird, und er endet, als dieses Kind sprechen lernt und das ältere Kind sich langsam loslöst, ein eigenes Individuum wird.

    Weber beschreibt in einer poetischen, feinen Sprache, wie sich der Körper der Erzählerin Julia verändert, wie sie alles um sich herum wahrnimmt, was sie erlebt, mit wem sie spricht, wem sie Briefe schreibt, was sie denkt. Das Buch ist nicht einfach eine Autofiktion, sondern eben eine Vermengung: Die Figuren des Romans, den Weber schreiben wollte, werden ebenso hineingetragen wie der persönlich erlebte Alltag. Es geht also um die Entstehung eines Romans, der dann gar nicht in dieser Form entsteht, sondern eben als Vermengung. Und das ist Webers Errungenschaft, eine solche Vermengung, die in höchstem Masse literarisch ist.

    In der Vermengung befinden sich wunderbar liebevolle Alltagsszenen - die eine sanft humorvolle Seite haben, weil sie sich nicht zu ernst nehmen. Weber kann in ein paar Sätzen einfangen, wie in einer alltäglichen Situation plötzlich grosse Gedanken und Gefühle auftauchen. Zum Beispiel spielt die Erzählerin Julia mit ihren Kindern Verstecken und denkt plötzlich daran, dass sie die Kinder beschützen möchte und wie sehr sie sie liebt. Oder sie streitet mit ihrem Mann über den Kompost, kurzes Aufflammen von Gereiztheit, dann ist wieder gut.

    Mit den Szenen, in denen die Figuren des Romans agieren, konnte ich nicht so viel anfangen. Vielleicht habe sie einfach zu wenig verstanden, mich zu wenig mit ihnen befasst. Aber mir fehlte irgendwie eine Einführung dieser Figuren, ich konnte sie nicht kennenlernen, sie sind einfach immer wieder aufgetaucht und bleiben vage.

    Ich mochte die anderen Szenen lieber, die Alltagssituationen, die Gespräche und Briefe. Sie machen Mut, dass Alltag und Kunst beide gewinnen können, wenn sie vermengt werden.

  • Zur See ist ein richtiges Nordseebuch. Dörte Hansen fängt das Raue der Nordseeinsel ein, das Nicht-nur-Schöne. Es geht immer wieder um die Veränderungen, die der Tourismus bringt. Er drängt das alltägliche Leben an die Ränder, das Echte stirbt aus und wird durch Attrappen ersetzt. Die Fischer geben das Fangen auf, bauen ihren Krabbenkutter um und machen Showfischen mit Tourist*innen. Die Saison wird immer länger, beherrscht den ganzen Sommer, dann auch den frühen Herbst, und die Tourist*innen kommen nicht mehr für eine ganze Woche, sondern nur noch für zwei, drei Tage. Die echten, alten Häuser werden für viel Geld verkauft an Menschen vom Festland, die sie kaum bewohnen.

    Was ist noch echt? Was haben die Inselbewohner*innen selbst überhaupt noch gemeinsam mit ihren Vorfahren, die Walfang betrieben? Als ein junger Wal angespült wird, weiss niemand so recht, was man damit machen muss. Er wird in Stücke gesägt und mit dem Bagger abtransportiert. Dabei wird die Vergangenheit im Roman nicht verklärt. Der Walfang zum Beispiel war hart.

    Der Roman ist aus einem Guss verfasst, spannend und melancholisch. Manchmal erdrückt er allerdings die Natur mit platten Weisheiten. Und im Rückblick scheint er doch gerade etwas zu perfekt konstruiert, selbst schon fast wieder eine Attrappe (ich schliesse mich da der Rezension von hans-peter-wicki an).

    Insgesamt ein schöner Roman, keine experimentelle Kunst, aber perfekt, um von der Nordsee zu träumen.

  • Lempi ist verschwunden und wir Leser*innen lernen sie nur durch die Schilderung anderer Personen kennen.

    Viljami, Lempis Ehemann, kehrt verzweifelt aus dem Lapplandkrieg auf seinen kleinen Bauernhof zurück und weiss nicht, wie er ohne Lempi weiterleben soll. Er erinnert sich an den Sommer, den sie gemeinsam hatten, und an die unendlich grosse Liebe, die jetzt aber kein Gegenüber mehr hat.
    Elli, die Magd, ist hasserfüllt. Sie war schon immer eifersüchtig auf Lempi und schimpft auf sie. In Ellis Schilderung werden die sozialen Unterschiede deutlich.
    Sisko, Lempis Schwester, berichtet mit grossem zeitlichem Abstand ihre Erinnerungen an die Kindheit und ihr späteres Leben. Diese Schilderung wirkt am neutralsten, aber was heisst das schon bei Erinnerungen, von denen Sisko selbst sagt, man könne sich nicht sicher sein.

    Alle drei Personen halten innere Zwiesprache mit Lempi, sprechen sie mit “du” an und beschwören ein Bild von Lempi herauf. Dieses Bild sieht aber jedes Mal ganz anders aus, jedes Mal wird eine neue Seite beleuchtet. Beim Lesen kann man sich langsam zusammenreimen, was mit Lempi geschah. Aber wer war sie, wie war sie?
    Der Roman macht deutlich, dass unsere Bilder von anderen Menschen subjektiv gefärbt sind.

    Die Sprache unterscheidet sich bei den drei Erzählstimmen nicht gross, jedenfalls nicht auf der kleinsten Ebene der Wörter und Sätze (das ist vielleicht in der Übersetzung auch schwer zu beurteilen). Unterschiedlich sind vor allem die vermittelten Gefühle, verzweifelte Liebe, Hass, resigniertes Bedauern.

    Der Roman drängt vorwärts, da ist der Geruch nach nördlichem, moosigem Boden und Fichtennadeln, aber auch die Schwere und Traurigkeit in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Finnland. Alle Erzählstimmen klagen, was sie gerne gehabt hätten.

  • Kim de l’Horizon hat mit dem Blutbuch ja diesen Herbst sowohl den Deutschen Buchpreis als auch den Schweizer Buchpreis gewonnen. Und ich finde, der Roman hat seine Preise verdient. Er ist sprachlich unfassbar kreativ und stilsicher. Und es steckt so viel drin in diesem Buch, ein Feuerwerk von Ideen und literarischen Formen.

    Das Blutbuch schildert die autofiktionale Selbstfindung einer genderfluiden Person Mitte zwanzig im 21. Jahrhundert. Es geht um Queerness, Sex und wie die Erzählfigur sich mit ihren besten Freund*innen zum Schreiben in ein Ferienhaus im Tessin zurückzieht. Es geht aber auch um die Auseinandersetzung mit den Müttern, Grossmüttern und Urgrossmüttern, mit der eigenen Kindheit und Herkunft. Es geht um ein sensibles Kind, das darunter leidet, dass die Mutter ihre Gefühle unterdrückt und dass über vieles nicht gesprochen wird. Es geht um die Geschichte der Mutter und ihrer Mutter und den vielen, vielen Frauen* vorher, es geht darum, wie Menschen in vorgesehene binäre Muster geklemmt werden. Und es geht um die titelgebende Blutbuche im Garten und wie die Erzählfigur die Geschichte der Blutbuchen recherchiert, um die eigene Geschichte verstehen zu können.

    Dabei werden die Leser*innen oft direkt angesprochen, der Text wird reflektiert und auf einer Metaebene kommentiert. Die Erzählfigur thematisiert, wie sich der Text beim Schreiben verselbständigt, die Sprache ihre eigenen Wege geht, wie schwer sich das Material in Sprache fassen lässt.

    Womit wir bei der Sprache wären: Ich habe selten eine so überschäumende und doch so kontrollierte Sprache gelesen. Kim de l’Horizon mischt berndeutschen Dialekt und dessen französische Einsprengsel in den standarddeutschen Text, ein anderer Teil ist Jugendsprache mit viel Englisch. Und jeder Stil wird durchgezogen. Manchmal treibt es Kim de l’Horizon etwas zu weit, noch eine Metapher, um etwas sprachlich fassen zu können, dann die Metapher wieder problematisieren, ausweiten, ausdehnen; noch einmal eine andere Erzählsituation, dann plötzlich Briefe auf Englisch… Kim de l’Horizon testet aus, was sprachlich alles möglich ist, und das ist zuweilen anstrengend. Die fünf Teile des Romans fallen dementsprechend auch etwas auseinander.
    Bei all dem ist das Blutbuch aber nie nervig, nie belehrend, nie von sich eingenommen, sondern immer neugierig auf die Welt und experimentell.

    Der Roman ist einerseits die Suche nach sich selbst und der eigenen Herkunft, andererseits die Suche nach der eigenen Sprache.

    Meine Rezension kann den Roman bestimmt nicht adäquat einfangen. Ich schliesse mich deshalb den anderen Rezensionen an: Lest das Buch am besten selbst. Vielleicht wird die Lektüre nicht einfach fallen, ich war beim Lesen schnell übersättigt und habe das Buch eher in Portionen gelesen als in einem Stück heruntergeschlungen. Aber so hatte ich länger etwas von diesem hervorragenden Kunstwerk.

  • Der Comic ist zwar schon vor 15 Jahren erschienen, aber er ist immer noch aktuell. Guy Delisle reist beruflich zwei Monate nach Nordkorea und fragt sich: Wie leben die Menschen in dieser abgeriegelten Diktatur? Das fragen wir uns wahrscheinlich immer noch, es gab zum Beispiel 2021/2022 eine Ausstellung im Alpinen Museum in Bern zum Thema.

    Delisle kann sich während seines Aufenthalts aber kaum mit Nordkoreaner*innen austauschen. Er darf nur mit seinem Reiseführer und Dolmetscher das Hotel verlassen und ehrliche Gespräche sind selbst mit diesen beiden Menschen unmöglich. Trotzdem gibt er in seinem Comic Einblick - und gerade das, was fehlt, sagt viel aus.

    Dabei unverkennbar ist Delisles Humor und seine Ironie. Er braucht nicht viele Worte und seine Bilder sind schlicht. Aber gerade die kleinen Wiederholungen, die sprachlosen Pausen, das reine Zeigen macht seinen Stil aus. Wenn ich gerade nichts anderes lese, nehme ich seine Comics immer wieder gerne zur Hand, blättere darin, lese mich fest und muss trotz des ernsten Themas lachen.

  • Gut erfasst, diese Verzweiflung und gleichzeitige Sprachlosigkeit! Das fand ich recht beklemmend beim Lesen. Du auch? Also die Novelle ist auf jeden Fall gut geschrieben, gerade eben weil sie dieses Hoffen provoziert, das du in deiner Rezension beschreibst.

    • Es gibt eine Kurzgeschichte von Friedrich Dürrenmatt, Der Tunnel (1952), in der ein Zug in einen Tunnel fährt. Ganz normal. Aber dann dauert die Fahrt durch den Tunnel ungewöhnlich lange, der Tunnel will einfach nicht enden, schliesslich wird klar, dass der Zugführer abgesprungen ist, die Lokomotive nicht mehr bremsen kann, und am Schluss stürzt der ganze Zug in einen bodenlosen Abgrund.

      So ähnlich ist Tanners Erde. Ernst Tanner lebt ganz normal auf seinem Bauernhof, sein Leben ist gleichförmig und vorhersehbar und wird von den Jahreszeiten bestimmt. Aber plötzlich sind da Löcher auf seinem Grundstück, grosse Löcher, bei denen man nicht bis auf den Boden sehen kann. Niemand weiss, warum die Löcher da sind, aber alle sind erstaunt, wie bemerkenswert gross und tief sie sind. Soweit die Sensation, aber Tanner leidet massiv unter den Löchern. Sein sonst so ausgeglichenes Leben stürzt ein. Darin zeigt sich eine Angst vor dem Untergrund und seiner dunklen Grösse, seiner Unbekanntheit.

      Die Novelle ist typisch für ihre Gattung, sie beschreibt ein einziges, unerhörtes Ereignis und treibt es konsequent bis zu seinem Ende weiter. Aber was nehme ich jetzt mit aus Tanners Erde? Dass das Leben trotz aller Gewohnheit unberechnbar ist? Dass sich jederzeit ein Abgrund auftun kann, der meine Existenz unmöglich macht? Es ist jedenfalls in seiner Stimmung ein eher bedrückendes Buch.

    • Es habe rhythmische lange Sätze, heisst es auf dem Buchdeckel, und tatsächlich sind die Sätze lang, wenn man sich mal darauf achtet; manchmal ist ein ganzer Abschnitt oder eine ganze Seite ausgefüllt von nur einem einzigen Satz - aber das fällt einem gar nicht auf beim Lesen, weil die Sätze meistens nicht kompliziert und verschachtelt sind, sondern einfach aneinandergereiht werden, sie plätschern vor sich hin, wie wenn jemand erzählen würde.

      Und Rebecca Gisler erzählt in ihrem Debutroman von Geschwistern, Bruder und Schwester, die aus der Schweiz zu ihrem Onkel in die Bretagne ziehen. Alle drei sind ein bisschen neurotisch, der Onkel ganz besonders. Er ist eigentlich die Hauptperson des Romans, seine Nichte und sein Neffe umkreisen ihn und ergründen gemeinsam seine Eigenheiten. Dazu gehört vor allem Nachlässigkeit. Es ist also eine skurrile Wohngemeinschaft mit dreckiger Toilette und vielen verstaubten Antiquitäten, die noch von den Vorfahren herumstehen. Es ist aber auch eine liebevolle Wohngemeinschaft, deren Mitbewohner*innen aufeinander achtgeben.

      Der Roman ist zuerst auf Französisch erschienen, Gisler hat ihn dann selbst auf Deutsch übersetzt, sie hat sogar an den beiden Versionen parallel gearbeitet. Der deutsche Text (den ich gelesen habe) fügt sich deshalb sehr gut in die bretonische Umgebung ein, eine schweizerisch-französische Mischung entsteht. Es ist ein kurzer Roman, nur gut 130 Seiten, aber präzis beobachtet, poetisch geschrieben und in seinen kleinen Absurditäten amüsant erzählt.

    • Wells ist ein virtuoser Autor. Manchmal manövriert er die Handlung in eine fast klischeehafte Ecke – aber dann schafft er es doch, von einer voraussehbaren Handlung abzuweichen. Am Schluss bringt er alle Erzählstränge zusammen, und zusammen zu einem Ende.

      Ausserdem schreibt Wells überzeugende Coming-of-Age-Romane. Hard Land ist eindeutig ein solcher, inklusive Übergangsrituale, Alkohol und Dramatik. Ein bisschen erinnert mich der Roman an Der Fänger im Roggen, vor allem weil der Ich-Erzähler mit einem Jahr Abstand von seinen Erlebnissen erzählt.

      Hard Land spielt in Missouri in den 1980er Jahren, also zu einer Zeit als Wells gerade geboren wurde. Offensichtlich hat er viel recherchiert, das zeigt er gerne und oft mit den vielen Referenzen auf Filme und Songs aus der Zeit. Er listet die erwähnten Songtexte sogar hinten auf. Beim Lesen musste ich mich manchmal daran erinnern, dass das deutsche Gegenwartsliteratur ist und der Roman nicht aus dem Amerikanischen übersetzt. Das ist wahrscheinlich ein gutes Zeichen und zeigt, dass der Roman überzeugt. Es ist ein emotionaler Roman, mit Begeisterung und Verliebtheit, aber auch mit Trauer und Tragik.

    • Zu diesem Roman kehre ich diesen Sommer immer wieder zurück. Alice und Eileen sind gleichzeitig verzweifelt und unbeschwert, sie denken über alle möglichen grossen Themen nach und suchen mit Ende zwanzig ihren Platz im Leben.

      Mittlerweile habe ich den Roman mehrmals sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch gelesen und blättere immer wieder durch meine Lieblingsszenen. Wahrscheinlich fühle ich mich persönlich angesprochen. Aber offensichtlich bin ich nicht die einzige, denn Sally Rooneys neuester Roman ist ein Bestseller, hat mehrere Preise gewonnen und wurde mehrheitlich positiv rezensiert.

      Rooney wird als Stimme der Millennials beschrieben. Das bedeutet für ihre Romane unter anderem, dass die Protagonist*innen – wie Rooney selbst – nach 1990 geboren sind. Sie diskutieren über den Klimawandel und über die Politik in Irland, sie finden ihr Leben bedeutungslos, aber versuchen trotzdem, ihm einen Sinn zu geben.

      Anders als in Rooneys ersten beiden Romanen gibt es in Beautiful world, where are you aber eine leicht andere Nuance. Wie in Rezensionen schon bemerkt wurde, zeigt Rooney einen neuen Weg auf, um mit den grossen Fragen, der untergehenden Welt und dem eigenen Leben klarzukommen. Ganz banal ist das: Liebe. Ich möchte hier nicht spoilern, deshalb sage ich nur, dass Alice und Eileen am Schluss zufriedener sind als zu Beginn.

      Rooney hat für ihren neuen Roman eine nüchterne, beobachtende Perspektive aus der dritten Person gewählt. Zum Teil beschreibt sie wie mit dem Blick einer nicht urteilenden Kamera, wie eine Wohnung aussieht oder welche Tippbewegungen auf dem Smartphone eine Figur macht. Mit dem Fachterminus nach Genette könnte man das wohl als externe Fokalisierung beschreiben. An diesem konstatierenden Blick liegt es vielleicht, dass der Schreibstil von Rooney teilweise als speziell beschrieben wird. Ich persönlich mochte den Stil.

      Bei solchen eher neutralen Beobachtungen kommt es dann auf einzelne Wörter an: Ist Eileen ärgerlich oder bloss verwirrt? Von Anfang an hat der Roman mich dazu gebracht, mich für die genauen Formulierungen und deren Übersetzung zu interessieren. Wie sind ›friendly‹, ›benignly‹, ›fondly‹ und ›affectionately‹ übersetzt? Welche deutsche Entsprechung hat die Übersetzerin Zoë Beck gewählt hat?

      Noch eine Bemerkung: Es gibt viele Sexszenen im Roman, und zwar ausschliesslich heterosexueller Sex. Dabei wird Homo- und Bisexualität durchaus thematisiert, Alice zum Beispiel ist bisexuell, Felix auch, Alice hatte früher eine längere homosexuelle Beziehung. Aber davon reden die Figuren immer nur. Homo- und Bisexualität werden damit um eine Ebene distanziert, indem sie nicht direkt in der Handlung vorkommen, sondern nur erwähnt werden. Warum wohl? Offenbar sind wir noch nicht so weit, dass ein Roman ein Bestseller werden kann, wenn auch homosexueller Sex explizit geschildert wird?

      Sowieso werden gerade in den Sexszenen einige konservative Rollenbilder weitergetragen. Das zeigt sich nicht offensichtlich, man merkt es erst, wenn man es sich genau überlegt. Vielleicht ist das ein bisschen ein Nachlassen von feministischem Kampfgeist mit Anfang dreissig? Die Figuren, die Handlung und die transportierten Werte sind sonst offen und 21. Jahrhundert, würde ich sagen. Der Zeitgeist der Millennials eben.

    • Wenn ich Romane von Richard Russo lese, habe ich immer das Gefühl, dass es die Figuren und ihre Geschichten wirklich gibt oder geben könnte. Die Romanhandlung wirkt nicht konstruiert - obwohl sie es natürlich ist und obwohl das Thema des Storytellings in Diese alte Sehnsucht eigens erwähnt wird: Jack Griffin, der Protagonist, hat früher Drehbücher geschrieben und unterrichtet jetzt, wie man Drehbücher schreibt. Wenn er mit seiner Tochter spricht, denkt er, dass er einen solchen Filmdialog anders geschrieben hätte. Wenn er mit seiner Ehefrau streitet, wirft er ihr vor, dass ihre “Geschichte nicht ganz schlüssig” sei.

      Mein Eindruck, der Roman sei nicht konstruiert, kommt vielmehr aus seiner besonders geschickten Konstruktion und Erzählweise. Die Handlung wird nicht durch unglaubwürdige Zufälle, sondern durch Griffins Überlegungen und Entscheidungen vorangetrieben - die durchaus widersprüchlich sind, schliesslich ist er ein Mensch. Und zwar ein etwas ungeschickter, unschlüssiger Mensch in einer Mid-Life-Crisis.

      Griffin arbeitet sich am Verhältnis zu seinen Eltern ab, die er ablehnt und ein Leben lang möglichst gemieden hat. Trotzdem prägen sie sein Leben, vielleicht umso mehr. Zum Beispiel hat Griffin die Urne mit der Asche seines Vaters im Kofferraum, bis er endlich einen Ort findet, um sie zu verstreuen. Die Urne im Kofferraum ist symbolisch dafür, wie Griffin seine Eltern nicht loswird, obwohl er genau das immer schon wollte. Unbewusst und ungewollt übernimmt Griffin Verhaltensmuster von seinen Eltern, die sein Leben und seine Ehe beeinflussen. Die Ehe ist in der Krise, gleichzeitig heiratet die nächste Generation. Da gibt es viel, womit Griffin sich auseinandersetzen muss.

      Russo schreibt zügig, unterhaltsam und mit einer Prise absurden Humors. Er lässt die Leser*innen mit allen Figuren mitleben, obwohl auf eine Figur fokussiert wird. Vielleicht können sich Menschen Mitte fünfzig am besten mit den Problemen identifizieren, die der Roman verhandelt. Spannend zu lesen ist der Roman aber für alle anderen auch.

    • Addie und Louis machen etwas Unerhörtes: Sie schlafen zusammen im selben Bett. Unerhört ist das, weil beide um die siebzig sind, beide verwitwet, weil sie sich vorher noch gar nicht richtig kannten und weil sie in einer Kleinstadt in Colorado leben. Die Menschen dort reden schon bald über sie. Addie und Louis sind mutig, sie wagen es, die einsamen Nächte mit jemandem zu teilen, sie erzählen sich aus ihrem Leben und stellen sich den Vorurteilen der Kleinstadt entgegen. Das ist doch mal was! Es tut beiden gut - jedenfalls bis… ich werde nicht spoilern, aber das Ende war für mich kein Happy End.

      Kent Haruf schreibt in seinem letzten Buch (2015 postum veröffentlicht, auf Deutsch 2017) wieder einmal über Holt, eine fiktive Kleinstadt in der Prärie Colorados. Haruf beschreibt das heisse, flache Holt County, die Sprache ist einfach, die Beobachtungen werden nüchtern nebeneinandergesetzt. Trotzdem sind es sehr liebevolle Beobachtungen und liebevolle Porträts der Weizenfarmer und älteren Frauen.

      An einer Stelle macht Haruf übrigens einen Verweis auf seine eigenen Bücher: Addie und Louis unterhalten sich über Bücher, in denen es um Holt geht und ob das realistische Geschichten seien. “Ich weiss nicht, meinte Louis. Das ist einfach seine Phantasie. Er hat die äusseren Details von Holt übernommen, die Strassennamen, wie es auf dem Land aussieht und wo alles ist, aber es ist nicht diese Stadt. Und es geht auch nicht um irgendwen von hier. Das hat er alles erfunden.”

      Eine solche Demut und ein winziges bisschen Selbstironie passt zu Haruf, glaube ich.

    • “Komm, schwerer Schlaf”, heisst es im Lied von John Dowland. Komm, schwerer Schlaf, denkt auch Ellen. Sie ist Schlafforscherin, tagsüber behandelt sie in ihren Sprechstunden Leute, die an Schlafstörungen leiden. Nachts ist Ellen selbst schlaflos. Wenn sie um vier Uhr nachts wach liegt, denkt sie an das Cortisol, das gerade durch ihren Körper strömt (sie ist schliesslich Schlafforscherin), und sie denkt auch ganz viel sonst. Soweit die Rahmenhandlung.

      Eigentlich ist es nur eine einzige Nacht, die im Roman behandelt wird. Ellens Gedanken tauchen scheinbar willkürlich aus der Erinnerung auf, schweifen von einem Thema zum nächsten - wie es einem halt so geht, wenn man nachts wach liegt. Die Gedanken und Erinnerungen sind aber wohlkomponiert und bilden immer mehr eine Geschichte. Es geht um Ellens Heimatdorf Grund, um die Menschen dort, zum Beispiel um ihren Vater Joachim, der einen Chor gegründet hat, als Ellens Mutter ins Koma gefallen ist. Der Chor singt immer dasselbe Lied von Dowland, das nicht nur mit dem Schlaf, sondern auch mit dem Tod zu tun hat.
      Ein bisschen mysteriös sind die Geschehnisse in Grund. Zumindest gibt es viele Geheimnisse, viele Fragen und bei mehreren Figuren hat man beim Lesen das Gefühl, sie wüssten mehr, als sie zugeben. Einige Figuren verschwinden aus der Geschichte, ohne Antworten zu geben. Das hat mich persönlich am Ende des Romans ein bisschen unbefriedigt zurückgelassen. Ich weiss, ich weiss, offenes Ende und so, ich schätze es aus poetischer Sicht ja auch.

      Ein poetischer Roman ist es sowieso. Die Motive sind bewusst gewählt und greifen ineinander. Dazwischen gibt es immer wieder zarte, treffende Beobachtungen. Zum Beispiel geht Ellen in der Nacht auf die Toilette. “Ich schliesse leise die Tür und laufe auf Zehenspitzen zurück ins Schlafzimmer. Meine Schritte sind leicht, das ist kein gutes Zeichen. Ich bin schon viel zu wach, fast hüpfe ich, schlecht, schlecht.” Das kommt wohl allen bekannt vor, die schon einmal nachts nicht mehr einschlafen konnten.

      “Komm jetzt oder komm nie mehr”. Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er hält, was der Klappentext verspricht, und verhandelt Schlaf und Wachsein, Leben und Tod auf poetische Weise.

    • Fanny
      Liebe Fanny, tolle Idee! ☺ ich empfehle mal etwas ein bisschen Spezielles, eine diesjährige Neuerscheinung von einer Autorin, die in Biel literarisches Schreiben studiert hat.

      Ist hier das Jenseits, fragt Schwein
      von Noemi Somalvico

      Dieses schmale, rosarote Buch ist anders als viele andere Bücher. Es ist behutsam, es kommt mit wenigen Wörtern und kurzen Szenen aus. Und es kommen nur Tiere vor. Und Gott.
      Noemi Somalvico nimmt die alte Textgattung der Fabel und füllt sie mit der Melancholie und Uneindeutigkeit der 21. Jahrhunderts. In Ist hier das Jenseits, fragt Schwein geht es um allgemein menschliche Themen wie Einsamkeit, Liebeskummer und das zögerliche Vertrauen zu neuen Freund*innen. Es ist ein wunderbar künstlerisches Buch und sehr humorvoll, ich habe schon lange nicht mehr so viel gekichert beim Lesen.