Heinz Helles Wellen ist das literarische Gegenstück zu Julia Webers Vermengung. Das Autor*innenpaar lebt mit den gemeinsamen Kindern in Zürich. Beide befassen sich in ihren aktuellen Büchern mit dem Verhältnis von Literatur und Alltag, von Kindern und Kunst und suchen nach neuen Formen dafür. Weber hat dabei ein neues Format geschaffen, eine Vermengung aus Roman und Autofiktion, zu der Dialoge mit den Romanfiguren gehören. Helles Buch ist dagegen eher eine klassische Autofiktion, die ich mit grossem Genuss gelesen habe. In Helles Roman mischen sich alltägliche Szenen mit Reflexionen, zum Beispiel: Der Erzähler sitzt frühmorgens mit seinem Notizbuch in der Küche und überlegt sich, welche Ausrichtung der Roman haben soll, an dem er arbeitet. Da kommt seine kleine Tochter in die Küche und setzt sich verschlafen auf seinen Schoss, »und das Gefühl, das ich zu Text hatte machen wollen, löste sich auf in der Wärme ihres Rückens und dem Geruch ihrer Arme, und ich konnte spüren, wie etwas in mir diesen Vorgang bejahte und mich schwerer und fester und solider und stärker verwurzelte im Hier und Jetzt«, und schließlich nimmt die Tochter den Stift und zeichnet etwas ins Notizbuch (S. 262). Diese Szene ist typisch für Helles Roman: Es ist eine Szene aus dem Alltag eines Vaters und Schriftstellers, die liebevoll in Sprache gefasst wird. Charakteristisch ist die Aneinanderreihung mit »und«. Viele Abschnitte und ganze Kapitel des Romans beginnen mit einem »und« oder »und dann«. Das gehört zum Modus der Wellen, den Helle für seinen Roman gefunden hat. Wie Wellen gehen die Abschnitte ineinander über, Gefühle tauchen auf, verschwinden wieder, es geht immer weiter. In der Szene macht der Erzähler auf einer Metaebene Reflexionen über seinen Text und wird von seiner Tochter im Hier und Jetzt unterbrochen. So simpel, dass die Literatur die Metaebene und die Kinder die alltägliche Ebene bilden würden, ist es aber natürlich nicht. Der ganze Text ist ja Literatur, sowohl die Beschreibung des Alltags als auch die Reflexionen über Literatur. Und diese Literatur entsteht erst durch die Wechselwirkung mit dem Alltag. Dazu könnte man die Szene symbolisch lesen: Die Tochter zeichnet ins Notizheft, in das der Erzähler Notizen für seinen Roman schreiben wollte. Sie prägt damit den Roman mit ihren Ideen, ihren Erlebnissen und Bedürfnissen, ihrer ganzen Existenz. Dazu kommt, dass Helle die ganze Situation im Nachhinein aufgeschrieben und zu Literatur gemacht hat. Dieses Paradoxon bei autobiografischem oder autofiktionalem Schreiben thematisiert Helle selbst: dass zwar Dinge aufgeschrieben werden, die eine Person erlebt, aber das muss im Nachhinein aufgeschrieben worden sein, denn während man etwas erlebt, kann man ja nichts aufschreiben. In ähnlicher Weise wird in Helles Roman nicht nur über Literatur, sondern auch über Politik, Philosophie, Gewalt oder Gender reflektiert. Helle setzt sich mit Männlichkeitsbildern auseinander, hadert mit seinem eigenen Männlichkeitsbild, liest Texte dazu (die er in seinem eigenen Text zitiert), arbeitet an einem neuen Männlichkeitsbild, theoretisch und ganz praktisch, stösst an seine Grenzen, hadert mit sich selbst. Verletzlichkeit und Unvollkommenheit werden ebenso gezeigt wie schöne, kleine Momente. Damit ist Helles Roman ein wunderbares Stück Gegenwartsliteratur.