Das zweite Drittel ist wirklich einfacher zu lesen. Die Geschichte der Sklaverei und der indischen “Fremdarbeiter” ist sehr interessant, aber auch belastend. In der heutigen Zeit und in einem Land wie dem unsrigen ist es schwer nachzuvollziehen, wie Menschen Menschen auf das schlimmste ausbeuteten. Dass der Erzähler bei seiner Verwandtschaft herzlich willkommen geheissen und bei seiner Spurensuche unterstützt wird, ist schön. Ich empfinde dies als typisch indisch. Unsere indischen Freunde, ebenfalls aus ihrem Heimatland Vertriebene, reisen um die ganze Welt zu ihren verstreuten Familienmitgliedern und pflegen die Kontakte sehr.
Nach wie vor begeistert mich das Buch nicht wirklich. Ich habe Mühe mit dem ausschweifenden, blumigen Schreibstil, der für mich vieles unglaubwürdiger wirken lässt (z.B. die fantasievolle Reisebeschreibung von Mittelholzer). Daneben nerven mich die Anklagen des Erzählers: Wer von uns würde für einen unbekannten Verwandten 300 km (Hin- und Rückweg; nicht über eine Autobahn!) weit fahren? Umso mehr, dass derjenige aus der “reichen Schweiz” angeflogen kam? Der Erzähler wurde bei der Erbteilung nur wenig bedacht. Warum? Hat er seinen Erbteil vielleicht schon früher bezogen? Bei uns ist es bekanntlich nicht so einfach, einen Nachkommen beinahe zu enterben. Und ja, bei Erbteilungen geht es in der Schweiz nur um das Materielle und nicht um Mitleid oder Trauer, das ist nicht die Aufgabe der Willensvollstrecker.
Ich bin gespannt, ob mir der Autor nach der Online-Veranstaltung besser gefällt. Bis dahin vertiefe ich mich in den letzten Teil des Buches.