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Paarios

  • 8. Juli 2022
  • Beitritt 22. Mai 2021
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  • 294 Punkte
  • Ich interessiere mich vor allem um Literatur aus Osteuropa und Drittländern sowie zur Zeitgeschichte der letzten 150 Jahre; daneben unterhaltsame Krimis.

  • “Bumerang”: Jetzt die Ereignisse aus der Sicht von Angelica. Und nun vollständig in der Aktualität in Rumänien, kaum noch Rückblenden auf die Periode der Trennung. Aber das Zusammenleben von Daniela, Angelica und Manuel will nicht so richtig gelingen. Immer wieder brechen alte Wunden auf, die wohl naiven Erwartungen der Mutter können nicht erfüllt werden. Zu lange war sie weg, die Entfremdung zeigt immer wieder ihre Wirkung. Der Vater bleibt bei seinen falschen Versprechungen und kommt definitiv nicht zurück, Angelica zieht es mit ihrem Mann nach Berlin, Manuel will alleine das Haus wieder aufmöbeln und träumt von seinem B&B, und Daniela kehrt nach Milano zurück, weil ihr dortiger Patient ihr letztlich mehr bedeutet als die Familie. Was also bedeutet der Titel?? Das Zurückkommen ist nicht von Dauer; die überschwängliche Freude über den zurückgekehrten Bumerang ist nur ein kurzes Aufblühen. Der Bumerang sollte ein zweites Mal geworfen werden, dann aber ohne Rückkehr . . .

    • Der zweite Teil zeigt die Ereignisse aus der Optik der Mutter. Einerseits erzählt sie ihr Leben in Italien, das zunächst vor allem Ausbeutung war; erst im späteren Verlauf kommen auch einige Lichtblicke dazu, die aber auch wieder brutal gelöscht werden (z.B. durch den verschuldeten Badeunfall mit den Kindern).Daniela verschliesst sich aber oft auch selbst gegen eine bessere Integration; selbst mit Leidensgenossinnen aus ihrer Heimat will sie nur wenig zu tun haben. Sie will sich aber immer wieder selbst überzeugen, dass sie mit ihrer Tätigkeit nur den beiden Kindern in Rumänien ein besseres Leben ermöglichen möchte. Trotzdem lehnen diese ihre Kommunikationsbemühungen immer mehr ab, und die einzelnen kurzen Heimatbesuche enden immer mehr in Frustration und Enttäuschung. Seit ihrer Rückkehr nach Rumänien nach dem Unfall von Manuel lässt sie die dortige Vergangenheit in den langen Stunden an Manuels Spitalbett Revue passieren; dabei bleibt ihre Sicht aber weitgehend immer noch in einem Rosa-Licht. Sie träumt davon, wie nach dem Erwachen von Manuel das “glückliche” Leben in ihrem Haus und Garten wieder aufgenommen werden und weiter verbessert werden könnte. Erst mit der Erinnerung an die qualvolle Geburt von Angelica im gleichen Spital wechselt die ablehnende Haltung der Tochter zu ihrer Mutter zu einem doch etwas freundschaftlichen Verständnis und Vertrauen. Und schliesslich wird Manuelas hatnäckiges Beharren und der feste Glauben an Manuels Erwachen aus dem Koma doch belohnt. Berührend ist dabei die diskrete Unterstützung durch Doktor Petran, der sie zwar nicht versteht, aber doch auch für sie auf die Durchsetzung der allgemeinen Besuchsregeln verzichtet.

    • Das Buch liegt zwar seit bald 2 Wochen bei mir, aber leider konnte ich erst vor 3 Tagen mit der Lektüre beginnen; ich habe aber bewusst auf das Lesen der bisherigen Kommentare verzichtet, um unbeeinflusst zu bleiben. Nun habe ich gestern den ersten Teil auch geschafft.

      Auf dieses Buch bin ich gestossen, weil mir der früherer Roman von Balzano (“Ich bleibe hier”) sehr gefallen hat. Während sich dort das Geschehen über ein halbes Jahrhundert hinzieht und vor einem starken geschichtlichen Hintergrund spielt, ist hier der Zeitraum kurz und die Handlung spielt auf einer sehr persönlichen Ebene. Mit der Situation von "Gastarbeiter(inne)n aus dem armen Osten Europass ist die Erzählung aber von grösster Aktualität. Balzano schildert sehr eindrücklich die Situation in den ländlichen Regionen Rumäniens, Bulgariens und Moldawiens, wie ich selber sie auf mehreren Reisen auch angetroffen habe: In den ärmlichen Dörfer vielerorts nur noch Alte (vor allem Frauen), die den zurückgelassenen Enkeln im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten noch ein Zuhause zu sichern versuchen, währen die mittlere Generation im reicheren Westen oder in Russland legal oder illegal und ohne Schutz einen Verdienst sucht. Dass Manuel unter diesen Umständen allmählich der Kontrolle von Grosseltern und älterer Schwester entgleitet, selber aber kaum einen wirklich eigenen Weg finden kann, scheint fast logisch. In diesem Sinn gibt es im ersten Teil auch kaum einen Überraschung; alles folgt bisher einem schicksalshaften Weg . . . 

      Kommt es in der Folge zum Ausbruch oder grossen Knall?

    • Wie schon mit “Alle ausser mir” ist Francesca Melandri mit diesem Buch ein packender Roman gelungen, der die Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts und insbesondere die oft sehr dramatischen Auswirkungen auf die Menschen im Südtirol eindrücklich beschreibt. An der Figur der Hauptperson Eva wird auch sehr gut gezeigt, dass es oft nicht nur eine Wahrheit gibt und die Beurteilung eines Geschehens sehr stark davon abhängt, wer die übergeordneten Vermittler sind. Ein Roman, der sehr gut durch Marco Balzanos Roman “Ich bleibe hier” ergänzt werden kann.