Meine Gesamteinschätzung von dem Buch hat sich im Grossen und Ganzen im letzten Kapitel wenig geändert. Positiv: die Thematik, die gelungene Darstellung komplexer wirtschaftlicher und politischer Sachverhalte und Theorien, die schnelle Handlung, die weitgehend mitreissende Sprache und auch die Entwicklung der Geschichte selbst. Negativ: die weitgehend eindimensionalen Charaktere, die sexistische Darstellung mancher Charaktere (besonders Vilma Varis).
Den Zusammenbruchs der Verschwörung fand ich beim Lesen weitgehend gelungen. In Anbetracht der Hintergründe von Alen (Martens) und Emma erscheint mir einigermassen glaubhaft, dass sie ein wenig naiv auf eine friedliche Revolution hoffte, während der Militär nicht nur mit Gewalt rechnet, sondern sie mit einkalkuliert und für sich nutzt. Auch hier kann man dem Autor Eindimensionalität der Charaktere vorwerfen. Allerdings empfand ich es als eine gelungene Darstellung zweier Herangehensweisen an abrupte/radikale/revolutionäre Ereignisse und wie verschiedene Menschen damit umgehen. Damit wirft das Buch recht gelungen die Frage auf, wie man damit umgeht, wenn der möglicherweise notwendige Schritt zu einer besseren Gesellschaft mit Opfern einhergeht: gibt man auf und entscheidet sich für möglicherweise faule Kompromisse oder behelfsmässige Lösungen, oder geht man den nächsten Schritt und sieht Gewalt als Möglichkeit? (bevor jemand Einspruch einwirft: das ist keine Suggestiv-Frage, ich kenne die Antwort darauf natürlich selbst nicht 😃 ). Nur wäre dieses Dilemma etwas klarer geworden, wenn der Autor sich nicht am Ende auf die klischeebeladene Darstellung Alens als Psychopathen eingelassen hätte.
Sehr problematisch und meiner Meinung nach ziemlich verantwortungslos sehe ich den Teil mit der erfundenen Vergewaltigung. Es ist leider in vielen Büchern und Filmen ein häufiges “Plot-Element”, dass ein reicher/elitärer/mächtiger Mann durch die fingierte Vergewaltigung einer rachsüchtigen Frau zu Fall gebracht wird. Das ist insofern sehr problematisch, da es mittlerweile zahlreiche Studien gibt, die zeigen, dass Männer in unserer Gesellschaft von einer sehr hohen Anzahl fingierter Vergewaltigungen durch rachsüchtige/habgierige/aufmerksamkeitsheischende Frauen ausgehen. Und das deckt sich absolut null mit der Realität, was Studien und Polizeiberichte zeigen. Storyelemente wie in diesem Buch tragen ihren Teil dazu bei, dass Opfern von Vergewaltigungen viel zu oft nicht geglaubt wird. Und das perverserweise besonders in Fällen von grossen Machtgefällen zwischen Täter und Opfer. Gerade einem Journalisten hätte man das Bewusstsein für solche Probleme zutrauen müssen. Meiner Meinung nach passt das jedoch leider nur zu gut zu der sonstigen Darstellung mancher Frauen in dem Buch.
Klischeebeladen und ziemlich unglaubwürdig erscheint die Liebesgeschichte zwischen Emma und Leo. Das beide sich trotz mancher Ideale ganz gerne an den Luxus von seiner Villa gewöhnen, trage ich gerne mit. Oft genug ändern Menschen ihre Ideale, sobald sie selbst von dem bestehenden System profitieren. Je nachdem wie der Autor das im Sequel behandelt bietet das auch guten Raum für Charakterentwicklungen und Spannungen. Allerdings scheint die Liebesgeschichte ein wenig gestelzt und vor allem unnötig.
Um auf einer positiven Note zu Enden (denn weitestgehend ist das meiner Meinung nach ein sehr guter Thriller): dem Autor ist es gut gelungen, am Ende nicht in die Falle zu gehen und nur den linken Verschwörer Martens als Antagonisten darzustellen. Die konservativen Kreise um Leos ehemalige Staatssekretärin formieren sich neu und versuchen, ihre alte Macht wieder zu etablieren, was eine gute Grundlage für die Fortsetzung darstellt.
Garantiert fällt mir im Laufe der nächsten Tage noch der eine oder andere Punkt ein, den ich hier einbringen werde. Und wahrscheinlich ist das sogar das grösste Lob für das Buch, denn für einen Thriller läd er einen geradezu dazu ein, sich noch Tage nach dem Lesen der letzten Seite Gedanken zu machen.