• [ehemaliger Benutzer]

Hallihallo

Die inzwischen verstorbene Schriftstellerin Toni Morrrison sagte einmal, sie sei eine leidenschaftliche Leserin. Sie habe aber irgendwann herausgefunden, dass sie nur deshalb gerne lese, weil sie auch gerne schreibe.

Nun nimmt mich wunder, ob das bei euch auch so ist? Lest ihr um des Lesens willen oder entwickeln sich bei euren Lektüren auch eigenständige Texte bzw. literarische Kreationen? Welche Zusammenhänge gibt es bei euch zwischen lesen und schreiben?

LG und eine schöne Weihnachtszeit.

    Ich muss sagen, dass es bei mir tatsächlich auch so ist, dass ich beim Lesen daran denke, wie ich bestimmte Dinge schreiben würde bzw. wie ich es anders schreiben würde. Seit ich ein Bücherwurm bin, habe mich auch schon an Kurzgeschichten gewagt, die mir ab und zu durch den Kopf gehen.

    Aber auch im Alltag merke ich, wie ich ganz unbewusst nach Sachen (kann z.B. ein Gespräch sein, ein Gegenstand oder auch nur ein Dorf) suche, über die man ein Buch schreiben könnte. 🤔

      • [ehemaliger Benutzer]

      Skhy Sind deine Kurzgeschichten dann gewissermassen “Korrekturen” der Geschichten, die du gelesen hast?

      • Skhy hat auf diesen Beitrag geantwortet.

        [ehemaliger Benutzer] Sprache finde ich etwas unerhört Faszinierendes, es erschafft Realitäten. Ob ich nun lesend eintauche, denkend, redend, schreibend, ist für mich ‘einerlei’, will sagen es bleibt ein ‘Faszinosum’ - Watzlawik (wenn ich mich recht erinnere…) prägte das Axiom ‘Man kann nicht nicht kommunzizieren’ - im Grunde ist alles Sprache - die Worte, die Gesten, der Gesichtsausdruck, die gesamte Natur, die Musik… - Ich merke aber, dass nicht alle Literaten/Autoren meine ‘Sprachschleusen’ gleicherweise öffnen: es gibt Personen, die mit ihren Texten in mir etwas auslösen, das selber zu Wort und Text wird - so geschieht lesend eine ‘Interaktion’. Ich bin zwar (noch nicht…) so weit gekommen, ein eigenes Buch zu veröffentlichen, was aber DER Traum meines Kindseins war. Stolz präsentierte ich als Dreikäsehoch mein erstes, selbstgeschriebenes Buch! - Nicht mehr als ein Aufsatz, aber immerhin… Ich machte ein ganzes Heftchen voll mit Schreibübungen - und fand dabei, ich wäre bereits ein grosser Schriftsteller…😅 So gesehen begleitet mich die Faszination von Lesen und Schreiben seit ‘der Wiege’!

        [ehemaliger Benutzer] nein, meist sind es unabhängige romantische Szenen die ich mir in meinem Kopf vorstelle und ich versuche sie dann wie in einem Roman niederzuschreiben 😅☺️

        • [ehemaliger Benutzer]

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        Vielen Dank für eure Antworten.

        Ich würde von mir selber auch sagen, dass das Schreiben manchmal ein schöner Nebeneffekt des Lesens (einer von vielen!) ist. Aber ich würde nicht sagen, dass ich lese, WEIL ich selber schreiben möchte.

        Vielleicht gibt es aber schon Situationen, in denen man sich in der Literatur gezielt auf die Suche macht, um eine eigene Geschichte in Worte fassen zu können, sei dies ein Trauma oder etwas anderes, das man gerne erzählen möchte, für das einem aber die Worte fehlen.

          Für mich persönlich bedeutet Schreiben eine Art verarbeitung von Dingen, die ich selbst erlebt habe. Das sollte aber nicht verwechselt werden mit Geschichten von Autoren, die meistens nichts mit dem Leben der Schreiber zu tun haben.

          [ehemaliger Benutzer] Ich bin aktiv in der Role Playing Game-Szene (also online mit eigenen Charakteren mit anderen Leuten Geschichten schreiben). Das Lesen ist dabei essentiell. Zum einen muss man sich (insbesondere in historischen RPGs) Wissen aneignen und zum anderen kann das Lesen die eigene Schreibkunst stark positiv beeinflussen. In meinem Fall betrifft das zur Zeit die Renaissance bzw Spätmittelalter und der Wilde Westen um 1875. Da muss man zwangsläufig viele Dinge nachlesen 😄 und eignet sich ungeheures Wissen an, weil man es dann gemeinschaftlich schreibend verarbeitet.

            • [ehemaliger Benutzer]

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            Gewitterblume Danke! Dein Statement erinnert mich an Maya Angelou, die etwas Ähnliches gesagt hat. Nachdem sie als 8-Jährige von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war, verstummte sie jahrelang, weil sie der Ansicht war, den Tod ihres Peinigers verursacht zu haben. Während dieser Zeit las sie viel und lernte sogar ganze Shakespeare-Stücke auswendig. Später, als sie bereits eine gefeierte Lyrikerin war, sagte sie, sie habe zunächst all das aufsaugen müssen, um das, was sie ausdrücken wollte, auf verschiedene Arten ausdrücken zu können. Erst nach den ganzen Lektüren konnte sie wieder sprechen und mit dem Schreiben beginnen.

            [ehemaliger Benutzer] Hallo NUCHA

            Wie Du bin ich eine leidenschaftliche Leserin und schreibe auch sehr gerne! Ich habe sogar ein Fernstudium für das Schreiben von Sachbüchern und Belletristik absolviert - das war sehr spannend, denn ich bekam laufend Hausaufgaben, welche von Autoren bewertet wurden. Ich hatte das Glück, während meiner Berufsjahre einige Fachartikel publizieren zu können. Später schrieb ich als Fachjournalistin. Aber den Schritt zur Buchautorin habe ich nicht geschafft - ich habe meine Abenteuer als leidenschaftliche Gärtnerin in satirischen Geschichten niedergeschrieben und ein deutscher Verlag suchte genau das. Ich bekam jedoch eine Absage nach Einsenden des Exposés und einer Probegeschichte, weil die Entscheidungsträger fanden, das sei ja satirisch geschrieben!!

            Wahrscheinlich müsste ich eine Agentin finden… auch wenn dies, wie ich von Autoren weiss, nicht immer zielführend ist, wenn man nicht Mainstream schreiben will.

            Ich liebe Sprache, auch fremde Sprachen wie Französisch und Englisch. Vor Jahren habe ich recht erfolgreich an einem Schreibwettbewerb in Schottland teilgenommen. Zum Titel “Die Bibliothek” sollte eine Kurzgeschichte mit 1000 Worten Umfang geschrieben werden. Mein erster Entwurf umfasste ca 3500 Worte. Tagelang habe ich gefeilt, gekürzt… eine Aufgabe, die mich begeistert hat! Und Englisch ist ja nicht meine Muttersprache…

              • [ehemaliger Benutzer]

              JujuMa Dein Werdegang ist faszinierend und ich finde es besonders spannend, dass du in einer Fremdsprache schreibst. Tatsächlich sind viele (Peter von Matt sagt sogar: die allermeisten!) herausragende AutorInnen keine MuttersprachlerInnen (was immer dieser Begriff bedeutet…). Ich denke da zum Beispiel an Yoko Tawada, Emine Sevgi ¨Özdamar und Navid Kermani, um nur drei zu nennen.

              • JujuMa hat auf diesen Beitrag geantwortet.

                [ehemaliger Benutzer] Muutersprache ist ja das, was wir als Baby von unseren Eltern bzw. unserer Mutter als Erstsprache lernen und jemand hat mal gesagt, dass man in seiner jeweiligen Muttersprache rechnet. Hm. Wenn ich Französisch oder Englisch spreche, schalte ich jedoch so intensiv um, dass ich in der Sprache denke - und eben auch rechnen kann…

                Von mir würde ich sagen, dass Deutsch als Muttersprache teilweise sehr disziplinierend wirkt, weil ich streng erzogen wurde. Englisch ist die Sprache meines Herzens. Französisch ist die Sprache meiner Seele - erst durch sie vermochte ich ein gewisses Erziehungskorsett zu sprengen und frei zu sein.

                Ich habe einmal eine Diplomarbeit einer Bünderin Korrektur gelesen - als Muttersprache hatte sie das Rätoromanische. Ihr Deutsch war so geschliffen und so gut, dass ich tief beeindruckt war. Chapeau!! Viele Deutschschweizer schreiben nicht so gut. Vielleicht liegt das daran, dass man die zweite und dritte Sprache aus und mit Leidenschaft lernt… und sehr bewusst.

                  • [ehemaliger Benutzer]

                  JujuMa Soweit ich weiss, gibt es keine allgemeingültige Definition der Muttersprache. Ich habe auch schon gehört, dass die Sprache, in der man die Primarschule absolviert, als Muttersprache gilt. In der Deutschschweiz wäre das dann Deutsch, auch wenn man daheim eine andere Sprache spricht. Aber um auf das Thema des Threads zurückzukommen: Es scheint durchaus so zu sein, dass die Art und Weise, wie man sich literarisch ausdrückt, nicht spontan “von innen” kommt, sondern durch Lektüre erworben und im weitesten Sinne geschult wird. Und dass man bei fremdsprachigen Büchern genauer hinschaut und aufmerksamer liest, scheint sich dann tatsächlich wiederum im eigenen Schreibprozess bemerkbar zu machen.

                    [ehemaliger Benutzer] Vielleicht gibt es aber schon Situationen, in denen man sich in der Literatur gezielt auf die Suche macht, um eine eigene Geschichte in Worte fassen zu können, sei dies ein Trauma oder etwas anderes, das man gerne erzählen möchte, für das einem aber die Worte fehlen.

                    …oder dass einen Literatur findet, die einem die fehlenden Worte schenkt! - Das ist mir schon öfters passiert, dass plötzlich ein eigenes Erleben in einer Geschichte ‘eingewortet’ wurde. Als Gegenüber in diesem Sinne ist es dann auf neue Weise fass- und gestaltbar. - Unlängst las ich auch, dass die Griechischen Dramen explizit die Absicht der Katharsis hatten. Durch das schauende Miterleben sollte im Zuschauer Reinigung, Lösung - viellicht gar Er-Lösung - geschehen… Mit Büchern kann wohl dasselbe passieren - und wie ich merkte, dass es bei mir eher passierte, wenn ich an einen Text absichtslos heran ging, weil sich dann ereignen konnte, was sich ereignen wollte…

                      JujuMa + [ehemaliger Benutzer] Was ich bei mir noch speziell betreff Sprache finde ist, dass ich als ‘Zweihänderin’ mit jeder Schreibhand ein anderes ‘Sprachgesicht’ habe! Mache ich kurze Notizen mit rechts und will sie dann mit links ins Reine schreiben - muss ich das in einen andern Ausdruck übersetzen. Rechts ist irgendwie linearer, fordernder, links dafür farbiger und kreativer… Habe ich irgend eine Blockade im Denken (bei Kreuzworträtseln) oder in der Kreativität wechlse ich auf die linke Hand - ich habe ein Gefühl, als würde sich mein Hirn entspannen - und die Gedanken fliessen wieder…

                      • [ehemaliger Benutzer]

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                      Schoma Vielen Dank. Ja, das Schreiben ist vermutlich Teil der Katharsis. Oft weiss man ja erst dann, ob man ein Thema verstanden hat, wenn man in der Lage ist, es in eigenen Worten wiederzugeben. Es handelt sich um einen Erkenntnisprozess, der früher im öffentlichen Raum (in der “agora”) stattfand und seit der Aufklärung (spätestens) in individualisierter Form stattfindet. Dafür gibt es heute Foren wie dieses hier, wo man sich mit anderen austauschen kann und im Erkenntnisprozess dann doch nicht ganz auf sich allein gestellt ist.