Fanny Ich bin selbst kein Mitglied dieser Leserunde, verfolge das Thema aber mit großem Interesse – vielleicht gerade deshalb mit etwas Abstand. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie stark sich unsere Sprache in den letzten Jahren „weichgespült“ und zugleich aufgeladen hat.
Viele Begriffe scheinen ersetzt worden zu sein – nicht, weil sie präziser wären, sondern weil sie gefälliger klingen. So wird aus interessant plötzlich spannend. Doch spannend war einmal ein Krimi, ein Wendepunkt, ein Risiko. Heute ist alles spannend – und genau dadurch verliert das Wort seine Spannung. Was früher Neugier und geistige Offenheit ausdrückte, wird nun mit einem emotionalen Superlativ überklebt.
Oder nehmen wir Formulierungen wie: „Da muss man genauer hinschauen.“ Früher hätte man gesagt: analysieren, beobachten, prüfen, untersuchen. Das waren aktive, geistige Tätigkeiten. „Hinschauen“ hingegen klingt harmlos, fast passiv – als reiche ein flüchtiger Blick aus, wo eigentlich Denken gefragt wäre.
Auch Sätze wie: „Nehmen Sie uns doch mit“ ersetzen eine einfache, ehrliche Frage nach einer Meinung oder Einschätzung. Die Sprache wird dadurch nicht reicher, sondern indirekter. Sie vermeidet Klarheit zugunsten von Atmosphäre.
Im Zusammenhang mit „33 Wörter, die dein Leben verändern“ stellt sich mir daher eine unbequeme Frage:
Verändern Wörter unser Leben – oder verändern sie vor allem unsere Bereitschaft, Dinge klar zu benennen? Vielleicht verlieren Worte ihre Kraft nicht, weil wir sie zu selten benutzen, sondern weil wir sie zu ungenau verwenden.
Vielleicht beginnt echte Veränderung nicht mit neuen Worten, sondern mit dem Mut, alte Worte wieder ernst zu nehmen.