ELISA SHUA DUSAPIN: LE VIEIL INCENDIE Nach meiner Begeisterung für ihren Roman «Winter in Sokcho» habe ich von der in Pruntrut lebenden Autorin «Le vieil incendie» gelesen. 15 Jahre nachdem sie ihre aphasische Schwester Vera verlassen hat, kehrt die um 3 Jahre ältere Agathe nach dem Tod ihres Vaters in die Dordogne zurück. Sie haben 9 Tage Zeit, das alte Gebäude zu leeren und vielleicht wieder zueinander zu finden. Es sollen nur noch die alten Steine des Gemäuers (La bâtisse a l’air fatiguée, le toit affaissé sur les briques comme un géant asphyxié par le lierre, p. 10) übrigbleiben, die die gleiche Substanz wie der bei einem Brand im nachbarlichen Schloss abgebrannte Taubenschlag haben. Vielleicht könnte man sagen, dass diese verwitterten Steine das einzige Erbe sind, das verbleibt, den Tauben zu ermöglichen, frei zu fliegen und wieder in ihr Nest zurückzukehren Die stumme Vera und ihre Schwester kommunizieren über das Handy und mit Kohlestift geschriebenen Kurzbotschaften. Es kommt zu emotionalen Ausbrüchen: Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihr erlaubt zu haben, meine Eiskunstlaufkleider zu entsorgen. p.23, zu Verdächtigungen: Ich habe mich nie vom Gedanken lösen können, dass Vera mir bewusst den Zugang zu ihren Inneren verwehrt hat. p. 30, und auch zu gegenseitiger Anerkennung: Ihre Brüste sind straff, sie ist athletisch.p. 61 Es ist ein Roman voller Schmerz über die Entfremdung, die nicht angenommene Verantwortung und Agathe fragt sich, ob sie Verrat an ihrer Schwester (ich werde immer für dich da sein. p.51) begangen hat. Diese Inkompetenz der Kommunikation, die herrschende Stille ist der Grund, (der Abgrund: am Ende steigen sie in eine Tropfsteinhöhle hinunter) ihrer Beziehung. Agathe, die brillante Stückeschreiberin hat das Gefühl, von ihrer Schwester missbraucht worden zu sein. Dusapins Rückblenden in ihre gemeinsame Kindheit, die Gegenwart des jetzigen Schlossherrn Octave erzeugen Spannung, ebenso wie die Anspielungen der Rückkehr in den Taubenschlag; zusammen mit dem Titel, erwartet man doch jederzeit einen Brand, sei er faktisch oder ein Auslöser der Liebe, wie bei den Tauben: In ihrer Annäherung der Liebe, durch die vielen Liebkosungen, entzündeten sich die Vögel (prenaient feu). Konsumiert von ihrer glühenden Hitze, spürten sie den Schmerz nicht und verzehrten sich bis zum Tod….p.95 Einen dieser kleinen Bedeutungswechsel der Sprache, der Missverständnisse auslöst, beschreibt sie auf Seite 91, wo der “Puy (Hügel im Okzitanischen) Geoffroy”, zum “Pigeon froid”» geworden ist, Titel, den die Autorin ursprünglich setzen wollte.