Je weiter ich lese, desto mehr wächst meine Wertschätzung für dieses Buch. In den Tagen 3 und 4 wird für mich immer klarer, worum es (meiner Meinung nach) im Kern geht: darum, wie sehr wir Menschen uns in unseren eigenen Gedanken verheddern können. Wie oft wir Dinge zerdenken, statt sie einfach zu tun. Wie schnell wir glauben, dass das, was andere haben, irgendwie „besser“ sei – die berühmten Kirschen im Nachbarsgarten. Und wie sehr wir uns täuschen lassen von dem, was nach außen hin stabil, glücklich oder souverän wirkt.
Gerade das finde ich an diesem Abschnitt so stark: Die Autorin zeigt, dass nichts schwarz-weiß ist. Menschen, die selbstsicher wirken, tragen genauso Selbstzweifel in sich. Die Unauffälligen haben oft die klarsten Haltungen. Paare, die nach außen harmonisch erscheinen, funktionieren vielleicht nur noch als Zweckgemeinschaft. Und Liebe ist nicht immer exklusiv – manchmal gibt es Platz für mehr als eine Person, auch wenn das nicht ins klassische Bild passt.
Was mich besonders beeindruckt: Egal, was im Außen passiert, innen sieht es bei jedem Menschen völlig anders aus. Die Autorin schafft es, diese inneren Landschaften so fein und glaubwürdig darzustellen, dass ich mich immer wieder selbst darin gespiegelt fühle. Und genau das glaube ich mittlerweile, ist ihre Absicht: uns einen Spiegel vorzuhalten. Uns zu zeigen, wie vielfältig, widersprüchlich und gleichzeitig menschlich wir alle sind.
Dass sie dafür nur wenige Figuren nutzt, empfinde ich als klugen erzählerischen Entscheid (auch wenn das am Anfang gewollt im negativen Sinn gewirkt hat). Mit einer kleinen Gruppe deckt sie fast das ganze Spektrum ab: hetero, queer, Paar, Single, mit Kindern, ohne Kinder, sicher, unsicher, laut, leise. Es wirkt wie ein kleiner Querschnitt durch die Gesellschaft – und keiner davon ist „super sympathisch“. Aber genau das macht es für mich so realistisch. Es sind Menschen, wie wir ihnen jeden Tag begegnen könnten.
Und die Stimmung – die bringt die Autorin weiterhin großartig rüber. Dieses leicht Schwebende, manchmal Beklemmende, manchmal Zärtliche. Es ist ein Buch, das nicht laut ist, aber lange nachhallt.
Ich bin sehr gespannt, was im letzten Abschnitt noch passiert. Das Potenzial für weitere Spannungen, Wendungen und Erkenntnisse ist auf jeden Fall da.