Teil 2 unserer leserunde hat auch mich sehr tief erschüttert und wütend zurückgelassen!
Vor allem bin ich wütend und beschämt, weil die Fälle noch deutlicher zeigen, etwa bei Helmut dem Pädophilen, dass wir in der Schweiz sehr gerne wegzuschauen scheinen. Weil man sich mit den Nachbarn nicht anlegen möchte, weil es einen nicht betrifft. Aber es ist noch sehr viel schlimmer - bei diesem Helmut haben 40 (vierzig!!) Jahre lang Eltern, Arbeitskollegen, Vorgesetzte und Heimleiter weggeschaut! Wie ist es möglich,dass in dieser langen Zeitspanne sich die verschiedenen Heime nicht ausgetauscht haben? Es lebe der Kantönligeist! Die Autorin reisst in diesem Fall durch ihre nüchterne Aufzählung der Abläufe das Geschehen so ans Tageslicht, dass ich mich frage, warum in Politikerkreisen nicht wenigstens darüber nach gedacht wir, wie sich zukünftig solche Missstände verhindern liessen. Das erinnert mich sehr an das allgemeine Schweigen in Kirchenkreisen bei sexuellen Übergriffen.
@MIM92 hat recht, was sie zu “Schändung am Nationalfeiertag” schreibt - denn es wird immer noch gerne suggeriert, dass Frauen an ihrer Vergewaltigung selbst schuld seien. Und dies nicht nur in Männerkreisen! Auch Frauen - das habe ich selbst in Gesprächen mit Kolleginnen und Bekannten erlebt - hegen erschrekcend leichtfertig Zweifel, ob die Frauen “es” nicht doch gewollt hätten. Das musste ich mir beispielsweise in Diskussionen um den Fall Pélicot in Frankreich anhören.
Dass Polizisten und Behörden dazu neigen wie im Fall Khaled , weniger genau zu hinzuschauen, wenn es sich um Menschen aus anderen Kulturkreisen handelt, darüber hat es in Deutschland schon heftige öffentliche Diskussionen gegeben. Zu Recht! Darüber sollte auch bei uns gesprochen werden.
Dann die Mutter, die ihre drei Kinder ermordet! Plötzlicher Kindstod lässt sich doch sicher mit den modernen forensischen Methoden von einem Tod durch Ersticken unterscheiden. Aber wahrscheinlich ist das Bild der liebenden Mutter so sehr in unserer Gesellschaft verankert, dass man gar nicht erst nachschaut beim Tod eines gesunden 7 Wochen alten Säuglings. Nicht obduziert. Das hätte das Leid der beiden Zwillinge verhindert. Wobei ich mich frage, wie der Ehemann und Vater so blind sein konnte, nichts am Verhalten seiner Frau zu bemerken.
Die Fälle, die uns Christine Brand hier aufzeigt, empfinde ich wie einen Aufschrei. Wir als Gesellschaft sind scheinbar viel zu teilnahms - los, zu blindgespült von unserem eigenen Befinden und ich glaube, dass Zivilcourage und das Engagiertsein für die Gemeinschaft weitgehnd bei uns verloren gehen. Das Buch ist zur richtigen Zeit neu aufgelegt worden.