Ich habe den ruhigen Freitagabend und den Samstagmorgen genutzt, um meinen Rückstand aufzuholen und auch den zweiten Teil zu lesen.
Im Grossen und Ganzen hat mir der zweite Teil gut gefallen. Der Schreibstil und die Erzählung aus Kleopatras eigener Perspektive sagen mir sehr zu. Irgendwie finde ich es lustig, die Geschichte mit ihren persönlichen Kommentaren zu lesen. Das ist einmal etwas erfrischend anderes. Zudem mag ich ihren Humor, der immer wieder zum Vorschein kommt.
Ich denke, Kleopatra hatte mehr Leute an ihrer Seite, als das Buch ihr zugesteht. Der Hauptmann ihrer Garde bestätigt dies, als sie sich in den Palast zurückschleicht und er sie erkennt. Dennoch nehme ich stark an, dass Caesar die ganze Sache beschleunigt und vereinfacht hat. So verfügte sie beinahe von Anfang an über eine «fertige» und «einsatzbereite» Armee, die sie unter Umständen zuerst selbst hätte aufbauen müssen. Das wäre sehr kompliziert gewesen, da es schwierig war, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Bei der römischen Armee war hingegen von Beginn an klar, auf wessen Seite sie stand.
Ich hätte nicht gedacht, dass das Töten für sie so schnell zur Gewohnheit wird. Wahrscheinlich war es jedoch lebensnotwendig. So wie ich die ägyptische Gesellschaft dieser Zeit wahrnehme, funktionierte vieles über das Zeigen von Stärke und Macht. Dazu gehörte leider auch das Hinrichten von Personen, die der eigenen Position schaden konnten. Ihren Umgang mit ihren Geschwistern empfinde ich bis zu einem gewissen Grad als grausam. Dennoch sehe ich ihre Schwester weiterhin als die brutalere der beiden. Mich dünkt, dass die Brüder eher eine untergeordnete Rolle spielen. Letztlich werden sie alle von ihren Schwestern geleitet und manipuliert.
Zudem darf man nicht unterschätzen, dass sie die Seherin und den Tätowierer zum Schutz ihres Sohnes hinrichten liess. Für mich zeigen diese beiden Szenen deutlich, wie weit eine Mutter für ihr Kind gehen würde. Sie ist eine Löwenmutter. Daher vermute ich, dass die vielen Löwen, die immer wieder im Buch auftauchen, kein Zufall sind. Sie zieht ja später auch wortwörtlich die zwei Löwenjungen auf, die Caesar ihr bringt.
Schlussendlich ist sie die Pharaonin, ihr Wort ist Gesetz. Und es hätte wohl nur sehr wenige Menschen gegeben, die ihren Sohn komplett nackt gesehen hätten und denen das Fehlen eines Mals aufgefallen wäre. Sicherlich hilft die Tätowierung jedoch dabei, Caesarions Anspruch auf den Thron zu untermauern. Die Frage, wie die Ägypter es sahen, dass er nach einem Römer benannt ist, finde ich interessant und rein aufgrund der Buchbeschreibung schwer zu beantworten. Ich könnte mir vorstellen, dass es ihnen relativ egal war, solange er der Sohn Kleopatras war und somit in direkter Linie von Ptolemaios abstammte. Interessant finde ich jedoch, dass die Geschichtsschreibung bis heute nicht zu 100 % sicher ist, ob er tatsächlich Caesars leiblicher Sohn war.
Der Verrat von Arsinoë überrascht mich nicht besonders. Sie scheint von klein auf unzufrieden mit ihrer Rolle als jüngere Schwester gewesen zu sein. Dennoch erstaunt es mich, dass ihr Neid und ihre Missgunst solch extreme Züge angenommen haben. Selbst ihr muss doch aufgefallen sein, dass sie als jüngere Tochter viele Privilegien genoss und sich freier als ihre Schwester bewegen konnte. Wie Kleopatra mehrfach erwähnt, bedeutet eine Krone in erster Linie Verantwortung. Land und Leute kommen zuerst, erst danach die eigene Persönlichkeit. Ich stelle mir das auf Dauer sehr anstrengend vor. Eine Verantwortung, die ich nie haben möchte. Potheinos hat diese Unzufriedenheit meiner Ansicht nach gezielt für seine Pläne ausgenutzt. Ich denke, das hat auch Kleopatra gewusst und sie deshalb verschont. Mit jemandem aus der Familie zu brechen ist das eine, aber jemanden vom eigenen Fleisch und Blut zu töten, ist ein ganz anderes Level.
Ich denke, Kleopatra wird nach Ägypten zurückkehren. Schliesslich war sie nie die legitime Frau von Caesar, und in diesem Sinne verbindet sie nichts mehr mit Rom. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sie versucht, die Handelsbeziehungen aufrechtzuerhalten, da diese für beide Reiche sehr nützlich sind. Wahrscheinlich wird es daher nötig sein, dass sie ab und zu nach Rom reist oder ein Römer nach Ägypten kommt. Ich bin gespannt, wie sich die Annäherung zwischen ihr und Marcus Antonius entwickeln wird. Es wurde ja bereits angedeutet, dass da etwas kommt. Bis jetzt sind sie Bekannte, die sich gut leiden mögen, aber wirklich viel miteinander zu tun hatten sie bisher nicht. Marcus Antonius hätte es zu Caesars Lebzeiten nie gewagt, ihn in diesem Ausmass zu hintergehen, und für Kleopatra wäre eine Affäre wohl ebenfalls zu riskant gewesen.
Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt, wie der letzte Teil des Buches wird und wie alle Fäden schlussendlich sauber miteinander verknüpft werden.