Der letzte Teil hat mich doch nochmals ziemlich berührt. Das erste Drittel des Schlusses fand ich sehr ermutigend geschrieben. Man merkt die Freude, die sie an den Kindern und ihrer Tätigkeit als Heilerin und Königin hat. Der zweite Teil ging mir dann sehr nahe, vor allem die Szene, in der sie wissentlich 30 Kapitäne und deren Besatzung in den Tod schickte. Damit habe ich nicht gerechnet, und das hat mich etwas aus der Fassung gebracht. Nun gut, solche Szenen sollte man nicht am späten Abend eines sowieso schon emotional geladenen Tages lesen. Das war mein eigener Fehler, da hätte ich damit rechnen müssen.
Den dritten Teil fand ich dann sehr melancholisch. Die Abschiedszene mit den Kindern hat mich berührt. Und der Schluss war eine totale Überraschung. Ich habe wirklich damit gerechnet, dass sie am Ende stirbt. Umso schöner fand ich es, dass sie mit ihren Kindern fliehen konnte. Etwas schade fand ich, dass das Ende von Caesarion nicht weiter ausgeführt wurde. Ich frage mich auch, wie es sein kann, dass sie nach zwei Jahren Flucht zwei ihrer Kinder verliert. Ich hätte gedacht, sie wären bei der Flucht zusammengeblieben, und dann hätte Oktavian sie und ihren jüngsten Sohn doch auch finden müssen. Und wie konnte Oktavian wissen, dass es sich dabei um die Kinder Kleopatras und Antonius’ handelt? Er hat sie doch nie persönlich gesehen. Das sind für mich einige Plotlücken, die mich aber nicht extrem gestört haben.
Es tat mir leid, dass Kleopatra die Tode ihrer Kinder miterleben musste. Auf der anderen Seite finde ich es einen gelungenen Schachzug der Autorin, dass Kleopatras Gabe gleichzeitig ein Fluch ist und sie dennoch weiterlebt.
Ich finde es spannend, dass die Autorin hervorgehoben hat, wie vorsichtig man mit Originalquellen umgehen sollte. Diese werden immer durch eine spezifische Brille geschrieben und beeinflussen das Geschriebene enorm. Zudem wird die Geschichte immer mal wieder umgeschrieben. Wenn ich mich richtig an meinen eigenen Geschichtsunterricht erinnere, in dem wir uns genau mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, dann war zum Beispiel das Mittelalter viel weniger dunkel und rückständig, wie es heute oft dargestellt wird. Und die Frauen hatten eine viel wichtigere Rolle darin, als es an vielen Orten beschrieben wird.
Dass Kleopatra vier Kinder hatte, war mir nicht bewusst. Ich fand es aber schön, auch diese Seite von ihr kennenzulernen. Schlussendlich hat jeder Mensch mehrere «Gesichter» und Rollen, die sich im Laufe des Lebens ändern, weiterentwickeln oder ergänzen.
Ich denke, unsere heutige mitteleuropäische Gesellschaft hat den Umgang mit dem Tod etwas verlernt. Früher war er viel gegenwärtiger und normaler. Heute empfinde ich diese Thematik eher als Tabu. Meistens ist das Umfeld ziemlich unsicher, wenn jemand stirbt, und weiss nicht so recht, wie man mit den Hinterbliebenen umgehen soll. Zudem hat die Gesellschaft oft den Anspruch, dass man kurz nach einem Verlust wieder zu 100 % leistungs- und arbeitsfähig ist. Dabei sind Trauerprozesse sehr unterschiedlich und können sich auch über längere Zeiträume hinziehen.
Das Buch hat schön aufgezeigt, dass Leben und Tod Hand in Hand gehen. Manchmal wurde mir der Tod zwar etwas zu brutal dargestellt, aber auch das gehört dazu.
Was die Beziehung zwischen Charmion und Kleopatra betrifft, so denke ich, dass diese wirklich eine sehr tiefe Bindung war. Die beiden kennen sich aus Kindertagen, haben keine Geheimnisse voreinander und sind ihr ganzes Leben nebeneinander gegangen. Kleopatra bezeichnet Charmion auch als Mutter ihrer Kinder. Ich fand es irgendwie erfrischend, dass das Buch sehr locker mit dem Begriff der Ehe umgegangen ist und auch völlig normal darstellt, dass sich zwei Frauen lieben. Diese Lockerheit würde uns als Gesellschaft vielleicht auch guttun. Denn am Ende ist es doch vor allem wichtig, dass es für die Menschen, die sich in der Beziehung befinden, stimmt.
Irgendwie fand ich es passend, dass am Ende Charmion Kleopatras Platz einnimmt. Solange nur die Römer und Oktavian die Leiche sahen, funktionierte das Täuschungsmanöver sicher. Aber die Ägypter und vor allem die zurückgebliebene Dienerschaft hätten den Schwindel bemerkt. Und ich denke, irgendwann hätte jemand darüber gesprochen, sodass Kleopatras Flucht aufgefallen wäre. Andererseits: Man sieht oft nur das, was man sehen möchte, und wenn die Dienerschaft loyal bleibt und den vermeintlichen Tod nicht hinterfragt, hätte das vielleicht tatsächlich funktionieren können.
Dass sich die Gabe zu einem Fluch wandelt, habe ich nicht erwartet. Vielleicht hätte man es bei genauerem Lesen oder einer tieferen Analyse des Textes erahnen können. Ich fand es einen tollen Kniff der Autorin.
Ich denke, ich werde mir die Zeit nehmen und noch etwas über Kleopatra nachlesen. Es war spannend, eine andere Seite von ihr kennenzulernen als die, die man üblicherweise kennt.
Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es war etwas anderes, als ich es gewohnt bin. Vielen Dank für die tolle Leserunde und den Austausch. Es hat mir viel Spass gemacht, mit euch in die Vergangenheit und ins alte Ägypten zu reisen.