Fanny Bob Oz wirkt auf mich wie der Archetyp des gebrochenen, zynischen Ermittlers, der aber dennoch eine gewisse Faszination ausübt. Rein äusserlich sticht er sofort hervor: Ein unglaublich blasser, rothaariger Typ, der scheinbar immer diesen auffälligen, senfgelben Kaschmirmantel trägt. Man merkt schnell, dass er sich in einer tiefen Lebenskrise befindet. Seine Frau Alice hat ihn vor zwei Monaten verlassen, was er mit reichlich Whisky zu betäuben versucht, während er in einer leeren Wohnung haust, die ihn nur an seine Einsamkeit erinnert. Beruflich steht er ebenfalls am Abgrund: Wegen seiner mangelnden Impulskontrolle – er musste sogar „Anger Management“-Kurse besuchen – wurde er faktisch degradiert und darf eigentlich gar nicht mehr an grossen Fällen arbeiten. Sein Spitzname „One-Night-Bob“ ist dabei herrlich doppeldeutig; er bezieht sich sowohl auf seine flüchtigen Frauenbekanntschaften als auch auf seinen früheren Ruf, Fälle in nur einer Nacht zu lösen.
Was den Spannungsfaktor angeht, hat mich die Geschichte noch gut abgeholt. Der Einstieg ist atmosphärisch dicht. Der Schreibstil ist direkt und bildhaft, was das Tempo gut hält. Eine Besonderheit, an die man sich erst gewöhnen muss, sind die Zeitsprünge. Während die Haupthandlung im aufgeheizten Stimmungsklima kurz vor der US-Wahl im Oktober 2016 spielt, gibt es immer wieder mysteriöse Einschübe aus dem Jahr 2022, in denen ein Präparator zurückblickt. Das fordert Aufmerksamkeit, verleiht dem Buch aber eine spannende zweite Ebene.
Minnesota – und speziell Minneapolis – empfinde ich dabei tatsächlich fast als eigenständigen, düsteren Charakter (obwohl ich die Stadt selbst gar nicht kenne). Das Setting wird rau, kalt und grau beschrieben. Besonders eindrücklich fand ich den Kontrast zwischen den majestätischen Gebäuden wie dem Rathaus, das wie eine uneinnehmbare Festung aus Granit wirkt, und dem Elend in den ärmeren Vierteln wie Phillips oder Jordan. Die soziale Vielfalt, von den skandinavischen Wurzeln bis hin zu den somalischen und lateinamerikanischen Einwanderern, sowie die allgegenwärtigen Spannungen und die Kriminalität werden sehr plastisch greifbar gemacht. Man spürt förmlich die Kälte und die Trostlosigkeit, die über der Stadt liegen.