Fanny Definitiv teile ich die Meinung mit den Anderen, dass der dritte Teil der Spannendste war.
Lavanda Irgendwie hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass Jo Nesbø es plötzlich eilig hatte, die Geschichte schnell zu Ende erzählen und zog daher im letzten Drittel das Tempo richtig an.
Ich hatte denselben Eindruck und fand dies wirklich Schade. Einige Elemente vom Schluss hätte man sicher früher in der Geschichte einbauen können. Die ersten zwei Drittel des Buches bestehen zu grossen Teilen aus Bobs inneren Monologen über seine Ex-Frau Alice, Fahrten durch Minneapolis und Gesprächen, die die Handlung nicht immer vorantreiben. Der Mittelteil verliert sich oft in der Beobachtung von Gang-Strukturen (X-11, Black Wolves), die sich am Ende als gar nicht so relevant für den Kern der Geschichte (Mike Lundes Rachefeldzug) herausstellen. Die falsche Fährte mit den Drogenbanden nimmt sehr viel Raum ein, was Leser ermüden kann, die auf den Punkt kommen wollen.
Yvettew Als Bob zum Haus von Mike gefahren ist und dort jemanden im Rollstuhl gesehen hat, dachte ich zuerst, dass Mike seine Tochter dort als Erinnerung “präpariert” hat.
Denselben Gedanken hatte ich auch - das wär schon auf einer weiteren Stufe gruselig. 🙈
Mein erster Gedanke nach der letzten Seite war: Was für ein grotesker, aber genialer Twist! Dass der ruhige, fast philosophisch wirkende Tierpräparator Mike Lunde nicht nur ein Mitwisser, sondern der eigentliche Architekt des ganzen Wahnsinns war, hat mich kalt erwischt. Die Enthüllung, dass er den echten Tomas Gomez bereits vor Jahren getötet und dessen Haut konserviert hat, um sie wie ein Kostüm („Schweigen der Lämmer“-Style) zu tragen, ist der absolute Höhepunkt des Makabren in diesem Buch. Gleichzeitig rutscht das Buch fast ins Genre des grotesken Horrors (wie Texas Chainsaw Massacre) ab und passt dann stilistisch schwer zum Rest des eher bodenständigen Polizeikrimis.
Hingegen hinterlässt das Buch ein überraschend warmes Gefühl durch den Epilog (September 2022). Es ist schön zu sehen, dass Bob die Kurve gekriegt hat.
Die Szenen im Laden von Mike Lunde, als er Jill Patterson und die Kinder als Geiseln hält, waren extrem fesselnd. Besonders der Kontrast zwischen der Brutalität der Situation und Mikes ruhiger, fast fürsorglicher Art („Habt keine Angst […] Das verspreche ich, hoch und heilig“) erzeugte Gänsehaut.
Es war faszinierend (und tragisch), dass Mike Lunde nicht aus Gier handelte. Sein Plan war ein perverses „Kunstwerk“: Er wollte beweisen, dass „Waffen der Inbegriff unserer Freiheit seien“ eine Lüge ist, indem er diese Freiheit gegen ihre Befürworter richtet. Er tötete NRA-Unterstützer (wie Cody Karlstad) mit legal erworbenen Waffen, um die Absurdität des Systems zu zeigen.
Danke für die tolle Leserunde und den Austausch 😊