Hat euch das Ende des Romans überzeugt?
Mich hat das Ende gleichzeitig berührt und irritiert – aber genau das macht es so stark. Es gibt keinen klaren Abschluss, sondern ein langsames Verlöschen, wie ein Schatten, der verblasst. Ich finde, das passt perfekt zum Ton des Buches: Nichts wird wirklich „aufgelöst“, sondern geht in Erinnerung und Schweigen über. Das Ende wirkt dadurch poetisch offen – fast so, als würde die Geschichte nie ganz enden, sondern weiter in den Figuren und im Leser nachhallen. Man spürt: Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Übergang – wie in der Erinnerung, die weiterlebt.
Wie findet ihr die Geschwister Eva und Pista? Konntet ihr mitfühlen?
Ja, absolut. Eva und Pista bringen neue, jüngere Stimmen in die Geschichte, die zeigen, wie sehr die nächste Generation unter dem Schweigen und den Verlusten der Familie leidet. Beide tragen auf ihre Weise das Erbe der Lázárs weiter – nicht durch Reichtum oder Macht, sondern durch innere Verletzlichkeit und Suche nach Orientierung. Mitfühlen konnte ich besonders mit Eva: Sie wirkt wie jemand, der gleichzeitig stark und verloren ist. Pista dagegen steht für die Sehnsucht nach Leben, aber auch für den Schmerz, in einer Welt aufzuwachsen, die von den Wunden der Vergangenheit gezeichnet ist.
Gibt es Bilder, die euch geblieben sind?
Ja – einige sehr eindrückliche. Zum Beispiel: Das Jagdschloss im Nebel, das wie ein Ort zwischen Leben und Tod wirkt. Das Pferd auf dem Cover, das für Freiheit, aber auch für Wildheit und Schicksal steht. Und immer wieder: Schatten, Spiegelungen, Licht und Dunkelheit – all diese Bilder ziehen sich wie Leitmotive durch das Buch. Diese poetischen Bilder sind für mich das, was den Roman unvergesslich macht: Sie erzählen oft mehr als die Handlung selbst.
Welche Rolle spielen Schatten in diesem Buch? Sind euch Kontraste aufgefallen?
Schatten stehen aus meiner Sicht im Roman für Erinnerung, Schuld, Vergänglichkeit und das Unsichtbare, das trotzdem da ist. Die Figuren leben „mit ihren Schatten“ – also mit dem, was sie nicht loswerden können: Vergangenheit, Trauma, Tod.
Biedermann nutzt Schatten und Licht immer als Gegensätze, um Spannung zu erzeugen: Leben ↔ Tod, Wahrheit ↔ Lüge, Erinnerung ↔ Vergessen und Nähe ↔ Isolation. Diese Kontraste machen den Text poetisch, aber auch beklemmend. Man hat das Gefühl, dass die Figuren nie ganz im Licht stehen – immer bleibt etwas Dunkles neben ihnen.
Was nehmt ihr vom Roman mit? Gibt es Themen oder Passagen, die zum Nachdenken anregen?
Ich nehme mit, dass Lázár vor allem ein Roman über Erinnerung, Verlust und die Macht des Schweigens ist. Er zeigt, dass Geschichte nicht einfach vergeht, sondern in Familien, Körpern und Sprachen weiterlebt.
Zum Nachdenken gebracht hat mich besonders, wie feinfühlig Biedermann über Trauma schreibt, ohne es direkt auszusprechen. Das Buch fragt: Wie lebt man weiter, wenn man alles verloren hat – und wenn selbst die Erinnerung weh tut?
Gibt es eine Passage, die euch besonders aufgefallen ist?
Mich hat die Passage berührt, in der Mária über den Tod und das Verschwinden spricht – weil sie die ganze Stimmung des Romans zusammenfasst: Leise, traurig, aber voller Schönheit. Auch die Szenen mit Lajos’ Krankheit und den Bildern des Glases und des Lichts sind stark – sie zeigen, wie Biedermann mit Symbolen arbeitet, um seelische Zustände spürbar zu machen.
Lázár endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einem Echo. Es ist ein Buch über Erinnerung, Schatten und Weiterleben – über Generationen hinweg. Besonders beeindruckend bleibt, wie Biedermann es schafft, historische Realität und poetische Traumlogik so zu verweben, dass beides wahr wirkt.