JuliaW
Ich hatte den Eindruck, dass Lajos sich verändert hat, nachdem er die Rolle des Barons nach dem Tod seines Vaters übernommen hat. Er muss auch gerade richtig einsteigen, da Sandor auf dem Gut nicht mehr viel gemacht hat am Schluss. So ist vieles liegengeblieben bzw. nicht erledigt oder organisiert. Die Geburt von Pista verändert die Beziehung zu Lajos Frau, Lilly. Lajos fühlt sich zum Kindermädchen Bertha hingezogen und beginnt eine Affäre mit ihr. Hier sehe ich eine Ähnlichkeit zu seinem Vater Sandor. Er beendet die Affäre mit Berta und entlässt sie, nachdem seine Frau die beiden überrascht hat. Danach wird ihre Beziehung zueinander wieder besser und inniger.
Meiner Meinung nach kann Lajos seine Gefühle nicht mehr so gut zeigen, wie als Kind/Jugendlicher. Ich glaube, dass dies zum einen mit der Rolle als Baron/Gutsbesitzer, der für die Ländereien und Bauern verantwortlich ist, zusammen hängt und zum anderen auch mit der Zeit und dem politischen Geschehen. Die Menschen wurden allgemein sicher vorsichtiger mit persönlichen Äusserungen z.b. zur Politik.
Seine Schwester Ilona und ihr Mann Kurt sind von Berlin nach Wien umgezogen. Im Verlauf der Zeit und der Judenverfolgungen bzw. des Judenhasses beschliessen sie, nach Amerika auszuwandern.
Lajos lebt mit seiner Familie nun in Budapest. Pista geht nun in die Klosterschule und ist mit Gleichaltrigen zusammen. Vorher wurde er von Privatlehrern unterrichtet. Er lernt Matilda kennen und sie verlieben sich ineinander. Die Mutter von Matilda aber ahnt etwas und verhindert den Kontakt von Pista zu Mathilda.
Die Bindung/Anziehung zwischen Pista und Mathilda habe ich sehr stark beschrieben empfunden. Die Sehnsucht nach Matilda lässt Pista für lange Zeit nicht los, obwohl sich die beiden nicht sehen. Das ist mir stark in Erinnerung geblieben.
Dann bricht der 2. Weltkrieg in Europa aus und Lajos muss als Offizier Dienst tun und mithelfen, das Land für den Ernstfall vorzubereiten. Daher kehrt die Familie nicht nach Budapest zurück, sondern bleibt auf dem Land. Kurze Zeit darauf nimmt die Familie einem Benediktinerpfarrer bei sich auf, bzw. versteckt diesen. Lilly geniesst den intellektuellen Austausch mit ihm, der ihr zusammen mit dem sozialen Leben nach Verlassen von Budapest fehlt. Das war sehr mutig von der Familie, bzw. von Lajos.
Lajos ist während des Krieges Offizier und befehligt einen motorisierten Zug. Daneben liest Lajos sehr viel. Ungarn erklärt Russland den Krieg 1941 und greift somit aktiv in das Kriegsgeschehen ein. Lajos erledigt in seiner Funktion als Offizier «organisatorisches».
Ich halte diese Schilderung bzw. dieses Verhalten für bezeichnend: Man kam einer oder seiner Aufgabe nach, erfüllte seine Pflichten und konnte vermutlich das ganze Ausmass allen Handelns und des gesamten Geschehens nicht absehen. Eine Beurteilung wird meiner Meinung nach immer einfacher retrospektiv, wenn man mehr Wissen über die Hintergründe hat. Man überlegt sich ob man Mitläufer ist, ob man aufbegehren soll, was vernünftig ist?
Bezeichnend finde ich, dass Lajos seit der deutschen Besetzung ständig raucht «das hilft gegen die Anspannung, gegen die Angst. Er fürchtete die ganze Zeit, dass… Gleichzeitig liess ihn die Frage nicht los, ob er das Richtige tat.» Aus Angst halfen sie den Juden nicht…
Schliesslich, als die sowjetischen Truppen immer näher kamen, beschliesst auch Lajos, mit der Familie zu fliehen. Die Flucht und vor allem das Erfrieren des Babys der Frau mit dem Kinderwagen wird ganz stark dargestellt und hat mich sehr berührt. Sehr eindrücklich ist auch die Szene, in der die Russen bei den Freunden, bei denen Lajos mit Familie Unterschlupf gefunden haben, ins Schloss eindringen und das Dienstmädchen vergewaltigt wurde. Sie wurde «geopfert», damit die Damen verschont werden. Anschliessend kümmert man sich um das Dienstmädchen, es erhält ein Bad, saubere, feine Kleider und einen kostbaren Rubinring.
Der Umgang mit Gefühlen fällt allen schwer. Pista beschreibt das Empfinden über den Mangel an Gefühlsäusserungen gut (s. 209). Er hat das Gefühl, dass es seinen Eltern nicht anders geht, Ich denke, die Generationen zu der Zeit haben mehr in einer Rolle gelebt. Über Gefühle zu sprechen gehörte nicht dazu.
Die letzte Szene im 2. Teil, in der Priester mit der Guillotine hingerichtet wird, fand ich auch sehr eindrücklich beschrieben. Für mich entstehen starke Bilder durch Nelio Biedermanns Schreibstil.
Die Verbindung von realen, historischen Elementen mit surrealen finde ich sehr gelungen. Diese tragen zum Entstehen starker Bilder bei.
Ich fand den 2. Teil greifbarer, als den ersten, da er mehr Bezug zum historischen Geschehen hatte und das Schwergewicht auf Lajos Familie und deren Entwicklung lag.
Ich bin gespannt, wie es im dritten und letzten Teil weitergeht.