Anhand der Wortwahl, beziehungsweise dem Zusatz, würde ich sogar sagen, dass ein “Viel zu kompliziert” oder auch ein “Zu nerdig” nicht wirklich ein Prädikat für Unterschätzung für mich darstellt, da beides ja für viele Leute etwas Positives bedeuten kann. Beispielsweise tauche ich nur allzu gerne Kopf voran in nerdige Kaninchenhöhlen oder lasse meinen Kopf durch komplexen Weltenbau rauchen.
Bei allen genannten Genres liegt der Hund aber insbesondere im deutschsprachigen Raum begraben. Werfen wir einen Blick über die Sprach- und auch Kulturgrenzen, sehen wir schnell, dass anderswo die Phantastik oder generell Belletristik einen viel höheren gesellschaftlich anerkannten Stellenwert hat. Da dürfen wir uns bei den Weimarer Jungs wie Goethe und Schiller bedanken, welche Abenteuer- und Schauerwerke generell als “ungebildet” abgestempelt haben. Die prosaische Form muss da wohl wichtig gewesen sein, wie sonst hätte Goethe seine zusammengerollten Finger sonst da rausreden können? Fontane und Konsorten stiessen dann ins gleiche Horn und noch später sprang auch Adorno auf den Zug auf, welche Unterhaltungsliteratur schlicht in die Kitsch Schublade packten.
Während andere Gesellschaften also schon lange Jules Verne, E.T.A. Hoffmann, Marry Shelly, H.G. Wells und deren Werke sehr ernst nahmen, und auch den sozialkritischen Mehrwert dahinter würdigten, wurde es hierzulande noch lange, wie der Thread so schön sagt, unterschätzt.
Wenn man sich teilweise auch heute noch die alten, grauen, super gebildeten Literaturkritiker ansieht, denen irgendjemand nach wie vor eine Bühne zu geben müssen glaubt, hört man auch dort noch genau diesen Einschlag und es wird auf ein Romantasy-Werk von 2025 dieselbe Schablone angelegt, wie auf ein Thomas Mann Werk. Diese Meinung zieht sich also durchaus teilweise bis heute, weswegen ich sogar sagen würde: Alle der oben genannten!
Da man allerdings nur ein Genre auswählen durfte, habe ich mich, und das sogar problem- und zweifellos, für Graphic Novels entschieden. Angefangen mit früher Erziehung (war das ein Krampf bis der kleine Xanobius endlich die Micky Mouse abonnieren durfte und weg vom Bussy Bär kam, weil letzterer ja “wenigstens ganze Abschnitte an Text hat”) und weitergehend in der Jugend; Lucky Luke, Donald Duck und vor allem Asterix und Obelix waren immer toll, aber halt so kleine spassige Häppchen. Selbst in den späteren Klassen, als in der Bibliothek ein Thorgal Band nach dem nächsten inhaliert wurde, war jeweils Liebe zu den Werken da, aber im Kopf irgendwie eine klare Zäsur zwischen Comics und “richtigen Büchern”. Zu Gute halten muss ich hier den Schulen, dass sie durchaus Comics zu ernsten Zwecken beworben haben. So wurde zum Beispiel das Thema HIV mit einem grossartigen Comic an die Schülerinnen und Schüler herangetragen.
Meine Persönliche “Epiphanie” fand allerdings erst viel später statt. Nach dem Film wollte ich irgendwann eine schöne Version der V for Vendetta Graphic Novel haben und tauchte dann auch in diese ein und wow - das war wirklich ein bekehrendes Erlebnis für mich. Nie hätte ich erwartet, dass die Text-Bild-Komposition in einem solchen Werk derart düster, derart fesselnd und so “deep” sein kann und mir dermassen den Ärmel reinnimmt. Damit war dann der Damm gebrochen und auf keinen Fall möchte ich die grosssartigen Werke wie etwa die Reihen Transmetropolitan (absoluter Favorit!), Preacher, Lock & Key, die unglaublich witzigen I hate fairyland oder die monumentale Sandman Reihe missen! Auch für Biographien sind Graphic Novels ein super tolles Format und falls sich jemand am “nur für Kinder” Mythos festhalten möchte, möge er oder sie gerne einen Blick in die Crossed Reihe werfen.