Die Tage zwei und drei lesen sich weiterhin angenehm flott, auch wenn die eigentliche Handlung kaum voranschreitet. Stattdessen liegt der Fokus stärker auf den Dynamiken innerhalb der Familie Harman und auf Lis’ Verhältnis zu den einzelnen Familienmitgliedern. Dabei gelingt es der Autorin durchaus, die Figuren ambivalent darzustellen: Niemand wirkt durchgehend sympathisch, aber auch niemand so unsympathisch, dass man darin ein überzeugendes Motiv für einen mehrfachen Mord erkennen würde. Gerade diese Unschärfe macht die Figuren zwar menschlich, nimmt dem Krimi bislang aber auch einiges an Spannung.
Auffällig ist zudem, dass Liz sich zunächst mit fast allen gut versteht, bevor die Beziehungen jeweils kippen. Manche Konflikte wirken nachvollziehbar, andere dagegen eher konstruiert. Besonders die Szene mit Calliope erscheint fragwürdig: Wenn Lis tatsächlich deeskalieren möchte, wirkt die Bemerkung über das Eternit-Dach eher provozierend als beruhigend. Dadurch entstehen Konflikte, die teilweise etwas künstlich wirken.
Interessant bleiben hingegen die Passagen rund um die Küche und die beschriebenen Gerichte. Die Menüs klingen kreativ und atmosphärisch geschildert, auch wenn man sich fragt, wie realistisch dieses Setting tatsächlich ist. Dass eine einzelne Köchin über Tage hinweg auf konstantem Spitzenniveau für dieselbe Familie kocht, ohne sich zu wiederholen, wirkt zumindest ambitioniert. Trotzdem gehören diese Szenen zu den stärkeren Momenten des Buches, weil sie Atmosphäre schaffen und dem Roman eine eigene Note verleihen.
Weniger überzeugend ist hingegen Lis selbst. Dass sie angesichts ihres bevorstehenden Todes kaum eigene Emotionen zeigt oder darüber nachdenkt, erscheint schwer glaubwürdig. Gerade hier hätte man sich mehr innere Spannung und psychologische Tiefe gewünscht. Insgesamt fehlt dem Roman nach dem zweiten und dritten Tag weiterhin ein klarer Spannungsbogen. Weder bei der Täter- noch bei der Opferfrage gibt es bislang echte Hinweise oder Entwicklungen, weshalb der Krimi im Mittelteil etwas auf der Stelle tritt.
Trotzdem macht der Roman genug richtig, dass man auf die letzten beiden Tage gespannt bleibt. Entscheidend wird nun sein, ob die Auflösung die zuvor aufgebaute Atmosphäre und die offenen Fragen tatsächlich tragen kann — denn gerade bei Krimis steht und fällt der Gesamteindruck oft mit dem Ende.