Christine Brand erzählt nicht, sie berichtet. Schnörkellos, unbeteiligt nüchtern. Für mich lässt dies die Brutalität der Fälle klarer und schärfer wirken. Und ich stelle mir Fragen. Wie zum ersten Fall, wo junge Leute aus Langeweile einen Kollegen “einfach so” erschiessen - was ist das für eine Gesellschaft, in der junge Menschen so orientierungslos, aber auch so übersättigt mit Allem zu sein scheinen, dass sie den Kick in einem Mord suchen?
Ich habe gesehen, dass der Begriff “Misstände” mehrfach in unserer Runde erwähnt wurde. Dem stimme ich voll und ganz zu. Fragt sich, wie könnte man diese Missstände beheben?
Der Femizid an Anna hat mich tief betroffen gemacht, da ich selbst fast in eine solche Situation gekommen wäre. Der Mord ist der ultimative Vertrauensbruch schlechthin. Da missbraucht Fabio die echten Gefühle und das Vertrauen, welche Anna ihm entgegenbringt. Es ist so erschreckend einfach, in solch eine Situation hineinzurutschen, das geschieht quasi unbemerkt. Ich bin davongekommen, aber die seelischen Narben sind da. Was treibt Männer zu solchen Taten an? Wie sehen sie Frauen?
Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Frauen morden. Wobei mir scheint, dass, wenn Frauen auf die dunkle Seite wechseln, dies intensiver, böser - und im Vergleich zu Männern - schlauer tun. In der Geschichte um Tanja H. wird das deutlich. Ich habe mich gefragt, ob es Menschen gibt, die von Geburt an böse sind.
“Der Orden der arischen Ritter” zeigt uns, wie junge Menschen relativ einfach radikalisiert werden können. für mich ergeben sich gewisse Paralleln zum ersten Fall. Die jungen Männer sind orientierungslos. Und wie die heutige Weltlage zu mehr gesellschaftlicher Unsicherheit und Politikverdruss führt, sind einige Menschen anfällig für Manipulationen, die in ihren Augen Sinn machen, eine Richtung vorgeben. Das scheint den menschlichen Herdentrieb zu bestätigen. Und auch hier ist in der familiären Umgebung der Männer niemand, dem etwas auffällt. Oder guckt man lieber weg?
Ihr seht, die Fälle lösen bei mir viel Fragen aus. In diesem Sinne finde ich das Buch von Christine Brand wichtig, weil es in gewisser Weise unbequem ist. Hier haben wir nicht einen Kriminalroman, in dem am Ende trotz allem das Gute siegen wird. In den True Crime Fällen bleiben am Ende nur Verlierer. Und die Fääle zwingen die Leser, sich damit auseinanderzusetzen. Hier bei uns - in der sicheren Schweiz! Was meint Ihr?
Ich bin gespannt auf die weiteren Fälle.