Eine Schriftstellerin hält einen Vortrag über ihr Schaffen und von diesem Vortrag berichtet eine unbekannte Erzählfigur in indirekter Rede. Das ist die Rahmenhandlung von Dorothee Elmigers «Die Holländerinnen». Gemeinsam mit der Schriftstellerin stürzen wir uns dann in das Kaninchenloch ihrer Erinnerungen zur Arbeit an einem Theaterstück über zwei im südamerikanischen Regenwald verschwundene Holländerinnen. Für ihren Vortrag greift sie auf ihre damals angefertigten Notizen zurück, fragmentarisch enthalten, die oft bereits am Tag nach der Entstehung einen ganz anderen Sinn ergaben als noch am Tag zuvor.
«Die Holländerinnen» erfordert beim Lesen volle Konzentration. Es ist ein Buch, das man lesen wollen muss, um dranzubleiben. Ein Buch, über dessen Bedeutung sich anschliessend diskutieren lässt, wofür wir bei der Lektüre idealerweise mit Textmarker und Post-its oder einem phänomenalen Gedächtnis ausgestattet sind.
Für mich ist es ein Text über unsere Gesellschaft, die sich bisweilen viel auf ihre vermeintliche Zivilisation einbildet (gerade im Gegensatz zum Natürlichen, Ursprünglichen, Wilden), gleichzeitig aber durch die wachsende Tendenz zur Individualisierung zunehmend verroht. Wovor fürchten wir uns somit wirklich? Oder was liesse sich der von der Schriftstellerin verspürten Angst entgegensetzen?
Der Auftrag der Schriftstellerin lautete, Protokoll zu führen über die Vorbereitung des Theaterstücks und so gehen die Berichte, Gespräche, Erinnerungen der anderen Theatermenschen fliessend ineinander über und sorgen so für eine apokalyptisch anmutende Atmosphäre. Da wir jedoch ein Protokoll vom Protokoll lesen, bleibt das Geschehen auf Distanz. In gewisser Weise bin ich darüber froh, da es dem Bericht etwas von seiner Intensität nimmt. Hinzu kommen zahlreiche kulturelle Referenzen, die mir längst nicht alle etwas sagten, die beleseneren Menschen vermutlich noch weiter Gelegenheit zu Anschlussdiskussionen bieten.
Ein Buch für alle, die mitreden wollen, bei dem jedes Wort, jeder Satz, jede Referenz bewusst gesetzt sind, das inhaltlich und literarisch Stoff für Gespräche bietet, das ich mir gut auf einer Theaterbühne vorstellen kann, aber nicht empfehlen würde als Unterhaltungslektüre.