Nun habe ich endlich mein Novemberbuch gelesen, Old but Gold: Lies einen Klassiker, der vor 1900 geschrieben wurde.Effi Briest von Theodor Fontane
Der Klassiker Effi Briest, den wohl viele als Schullektüre gelesen haben, hat es mir angetan. Besonders erstaunt hat mich die Sprache, wenn man bedenkt, dass Theodor Fontane den Roman bereits 1895 geschrieben hat. Natürlich spielt die Handlung in dieser Zeit, doch sie ist so lebendig und anschaulich beschrieben, dass ich mich gut in die damalige Epoche hineinversetzen konnte – ähnlich wie man es aus Filmen kennt, die in dieser Zeit spielen.
Ausserordentlich fand ich, dass ein Mann zu dieser Zeit in der Lage war, sich so feinfühlig in eine junge Frau hineinzuversetzen, ohne sie herabzuwürdigen oder dümmlich darzustellen. Effi wird mit all ihren Stärken, Schwächen und inneren Konflikten sehr menschlich gezeigt.
Besonders beschäftigt hat mich die Heirat zwischen Innstetten und Effi sowie die Tatsache, dass ihre Mutter dieser Verbindung zustimmt, unter dem Gesichtspunkt, dass Effis Mutter und Innstetten einst ineinander verliebt waren, sich jedoch nicht heiraten konnten. Diese Konstellation ist erstaunlich und zugleich befremdlich und verdeutlicht, wie stark gesellschaftliche Erwartungen und Konventionen über persönlichen Gefühlen standen.
Effis Ehebruch wird im Roman zunächst fast beiläufig behandelt und tritt erst Jahre später in seiner ganzen Tragweite zutage, als alles aufgedeckt wird. Das fand ich bemerkenswert und sogar lobenswert. Obwohl es um Verrat, Ehebruch uns um strenge gesellschaftliche Sitten geht, ist das Buch nie reisserisch. Stattdessen zeigt es eindrucksvoll, wie alle Beteiligten unter den Folgen leiden: Nicht nur Effi selbst, sondern auch ihre Eltern, der betrogene Ehemann, ihr Kind, die Bediensteten und nicht zuletzt ihr Geliebter, der das Verhältnis letztlich mit seinem Leben bezahlt.
Etwas sonderbar und zugleich schade fand ich, dass die Beziehung zwischen Effi und ihrer Tochter nur sehr knapp und beinahe distanziert geschildert wird. Es bleibt weitgehend unklar, wie eng oder liebevoll das Verhältnis zwischen Mutter und Kind tatsächlich war. Gerade weil Effi ihr Kind später kaum noch sehen darf, hätte eine intensivere Darstellung dieser Beziehung das Leid Effis noch verständlicher gemacht. Die emotionale Bindung zwischen Mutter und Tochter bleibt eher im Hintergrund.
Deutlich präsenter ist dagegen die Figur von Effis Vater. Er wird als liebenswerter, ruhiger und einfühlsamer Mensch dargestellt, der Effi mit Verständnis und Nachsicht begegnet. Im Gegensatz zu vielen anderen Figuren verkörpert er Menschlichkeit und Wärme und stellt einen wichtigen Gegenpol zu den strengen gesellschaftlichen Regeln dar, denen Effi ausgeliefert ist. Seine Haltung wirkt modern und mitfühlend und macht ihn zu einer der sympathischsten Figuren des Romans.
Insgesamt hat mir Effi Briest sehr gefallen. Ich bin dankbar, dieses Buch gelesen zu haben, da es meinen literarischen Horizont erweitert hat. Auch die Anhänge empfand ich als lesenswert und interessant, da sie zusätzliche Einblicke in Werk und Zeit geben.