Das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, niemanden zu haben, der für einen da ist, macht heutzutage vielen Menschen zu schaffen. Udo Rauchfleisch, einst Psychologieprofessor in Basel kennt dieses Gefühl aus erster Hand. Hat er doch Jahrzehnte bis zu seinem Coming out gebraucht, Familiengründung inklusive. Etwas mit sich herumzutragen, was man mit niemandem teilen kann, ist schwer. Gut möglich, dass die Worte fehlen, aber auch, dass man die Ablehnung befürchtet oder sich gar vor der inneren Wahrheit schämt.
Jedenfalls hat mich überrascht, dass Udo Rauchfleischs Buch über die Einsamkeit so sehr auf das Zwischenmenschliche und so wenig auf das Sprachliche setzt. Ist Einsamkeit wirklich nur ein Frage nach dem Dasein anderer? Oder ist es nicht vielmehr eine innere Leere, die sich auch dann einstellt, wenn man von lieben Menschen umgeben ist? Hier, finde ich, greift das Buch etwas zu kurz.
Dennoch, von diesem Schönheitsfehler abgesehen, habe ich das Buch gerne gelesen. Es beleuchtet die Einsamkeit in der Konsumgesellschaft, wo Individuen es scheuen, sich in Vereinen zu engagieren. Der Einfluss der sozialen Medien kommt natürlich auch zur Sprache. Und auch ein gewisses soziales Misstrauen, das im globalen Dorf die einstige Vertrautheit im dörflichen Miteinander abgelöst hat. An die Stelle der sozialen Kontrolle in diesem ist das Gefühl der Überwachung in jenem getreten. Hinzu kommen Alterseinsamkeit, fehlende Teilhabe, armuts- oder migrationsbedingt, sowie die Einsamkeit unter Jugendlichen, die noch auf der Suche nach sich selbst sind und nirgendwo richtig dazugehören. Alles in allem ein Buch, was die Erkenntnisse über die Einsamkeit bündelt und dabei zum Nachdenken anregt.
Ich hätte mir eine etwas positivere Sicht auf die Einsamkeit gewünscht. Der Rückzug kann auch ein Segen sein, ein Raum zur Selbsterforschung und für Kreativität. Es könnte ja auch gut sein, dass nicht jeder für diese auf Teufel komm raus Extroversion geschaffen ist, die wir in der Alltagskultur beobachten. Dass sie sich unwohl damit fühlen, im Internet Communitys aufzubauen und sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ich habe vielmehr den Verdacht, dass viele Menschen sich heutzutage die Einsamkeit geradezu herbeiwünschen. Einfach mal in Ruhe gelassen zu werden, schreiben, lesen, wie auch immer, ohne den Druck, über sein Leben Rechenschaft ablegen zu müssen. Die ständige Rückmeldeabhängigkeit laugt aus. Einsamkeitsgefühle sind ein Warnzeichen, dass man sich gerade vielleicht zu sehr verausgabt. Ob man alleine ist und denkt “niemand interessiert sich für mich” oder aber “wie gut, dass ich Zeit für mich habe”, ist letztlich eine Frage der inneren Einstellung, die jeder selbst in der Hand hat.
Ich vergebe trotzdem fünf Herzen, weil das Buch sehr schön geschrieben ist und dieses wichtige Thema für alle verständlich aufgreift. Und weil es dem Autor Rauchfleisch nicht um die Wohlfühl-Einsamkeit geht, die ich soeben beschrieben habe. Worauf das Buch abzielt, ist auf die Einsamkeit, die sich mit Diskriminierung und Ausgrenzung berührt und die leider heute immer noch viel zu viele Menschen betrifft.