Jeder wird dieser Tage schon mal was vom Über-Ich gehört haben, von jener Instanz, die laut Freud über die Einhaltung von Werten und Moral wacht.
Das Über-Ich, so Freud, kann bei entsprechenden Normverletzungen strafend eingreifen, das Ich beschämen und kleinmachen, auf dass es künftig nicht wieder gegen die Moral verstösst.
Dass es sich bei diesem innerpsychischen Disziplinierungsverfahren allerdings nicht ganz um Beschämung handelt - darauf kommt der Wiener Philosophieprofessor Robert Pfaller in seinem Buch “Zwei Enthüllungen über die Scham” zu sprechen.
Denn Beschämung hat einerseits etwas mit Höflichkeit zu tun. Etwa dann, wenn ein Beschenkter den Empfang seines Geschenks mit Scham beantwortet. Man steht in der Pflicht, man fühlt sich der empfangenen Gnade unwürdig; die Scham stellt den anderen qua Grosszügigkeit auf ein Podest, wir fühlen uns klein.
Zum zweiten aber, stellt Pfaller fest, gibt es in uns neben dem moralisch feinfühligen Über-Ich noch eine weitere Kontrollinstanz, nämlich das sogenannte “Unter-Ich”. Dieses hat mit Tugend, Moral und Ethik nichts am Hut, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie sie das Über-Ich versteht. Dennoch reagiert auch das “Unter-Ich” auf gewisse Normabweichungen.
Die Tugend liegt für dieses “Unter-Ich” in der Gestaltung, das heisst vielmehr im Wie als im Was einer Handlung. Ob man dabei den zehn Geboten oder einem anderen Wertekatalog verpflichtet ist, ist dem Unter-Ich gleichgültig. Es ist einzig auf Formvollkommenheit bedacht. Auf ein bestimmtes Auftreten, auf die Eleganz der Geste, auf das richtige Halten des Zigarettenstängels, auf die angemessene Verneigung bei Begrüssungen u.dgl. Auf das Zeigen der richtigen Auftritts vor der dafür vorgesehenen Kulisse.
Wo eine Tragödie also entgegen der Gattungskonvention mit einem Happy-End enden würde, würde das Unter-Ich Einspruch erheben. Stürben am Ende einer Komödie hingegen alle Hauptfiguren, würde das Unter-Ich ebenfalls raunen. Da ist die Form ist angeschlagen, ein Sprung in der Schüssel. Es stellt sich Scham ein.
Pfallers Essay widerlegt die verbreitete Auffassung, wonach Scham mit dem Blick der anderen einhergehe. Laufe ich nackt durch die Strassen und einer zeigt auch noch mit dem Finger auf mich, werde ich beschämt und empfinde Scham. So scheint es Andersens berühmte Erzählung “Des Kaisers neue Kleider” nahezulegen.
Doch in Wirklichkeit, so Pfaller, erwächst die Scham nicht aus dem Blick der anderen. Vielmehr ist das erwähnte Formbewusstsein in jedem Menschen angelegt - ob angeboren oder anerzogen lässt der Autor offen.
Pfaller stützt seine Beobachtungen auf psychoanalytische Schamtheorien, unter anderem auf die Erkenntnisse des Schweizer Psychiaters Léon Wurmser. Jedoch finden sich Ansätze, die seine Beobachtungen stützen, auch in der Philosophie, etwa in Nietzsches Diktum “Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes einhergienge?” (Jenseits v. Gut und Böse, KSA 5, S. 57f.). Darauf aufbauend formulierte Slavoj Zizek einst: “Die Wahrheit liegt in der Maske”.
Wenn der Gegensatz eine schützende Maske ist, dann stellt sich die Frage, welchen Gegensatz die Scham zu bergen trachtet. Pfallers Antwort: der Stolz. Die Scham weist auf einen Makel hin, während der Stolz sich mit Makellosigkeit brüstet. Zwei Seiten einer Medaille. Pfaller geht noch einen Schritt weiter: Heutzutage ist die Scham zum Luxusartikel geworden; man zeigt Flugscham, Impfscham usw. Darin äussert sich der verborgene Stolz über die eigene Empfindlichkeit, die man so verhüllt zur Schau stellt.
Pfallers Thesen liegt die Prämisse zugrunde, dass Gefühlen ein offensichtlicher Werkcharakter anhaftet. Sie lassen sich geradezu “machen”, gestalten und sind keineswegs als gegeben hinzunehmen. Lasse ich mich also, meinem Gefühl der Langeweile nachgebend, kraftlos ins Sofa sinken, verstärke ich das Gefühl derart, dass es zu eigener Charaktereigenschaft wird. Hingegen kann ich durch bewusste Gestaltung, indem ich gewissermassen zum Schauspieler meiner selbst werde, der Langeweile kontern. Im Publikum sitzt das Unter-Ich. Es klatscht, wenn der Auftritt gelingt und buht mich aus, wenn ich stolpere, stocke oder den falschen Text aufsage. Dann schäme ich mich auch daheim, wenn keiner zuschaut.
In der Maske liegt die Wahrheit. Die tiefen schutzbedürftigen Dinge lieben sie. Die allertiefsten, die Maske durchdringenden Dinge hassen sie. Und das Unter-Ich begutachtet, auf offener Strasse wie auch daheim im stillen Kämmerlein.