«Ur und andere Zeiten», mir von einer Freundin geliehen, stand – wie so viele Bücher – viel zu lang in meinem Bücherregal und wartete darauf, dass ich es endlich in die Hand nahm. Olga Tokarczuk erzählt aus allwissender Perspektive und in chronologischer Reihenfolge die Geschichte der polnischen Ortschaft Ur und ihrer Bewohner, beginnend 1914 und endend vermutlich in den 1990ern. Die Kapitel sind tendenziell eher kurz und jedes konzentriert sich auf einen Aspekt der Geschichte. Meist handelt es sich dabei um eine Person, einige von ihnen kommen dabei regelmässiger vor als andere. Manchmal jedoch konzentriert sich ein Kapitel auch auf einen Gegenstand, unvergessen für mich die Kaffeemühle, oder etwas Abstrakteres. Tokarczuk selbst ist als Erzählerin nicht erkennbar, oder es wäre mir entfallen. Die Geschichte, die sie über so viele Jahrzehnte, zwei Weltkriege und mehrere Regimewechsel hinweg webt handelt gleichermassen vom Trost und der Verzweiflung, die im ewigen Wandel des Lebens und der Zeit liegen. Nicht nur der direkten Bezüge auf Gott und die Bibel wegen hat die Erzählung etwas Alttestamentarisches. Zauber und Grausamkeit unserer Existenz wechseln sich so willkürlich miteinander ab wie im echten Leben. Trotz der konkreten zeitlichen Bezüge ist Ur ein entrückter, teils fantastisch anmutender Ort, was mich zudem an Märchen erinnerte.
Die Lektüre hat mich gefesselt, die Sprache und die Erzählweise haben mich sowohl verzaubert als auch verstört, Tokarczuks grundlegende Gedanken zu unserem Dasein, zu unserem Verständnis von Zeit und Raum beschäftigen mich über die Lektüre hinaus. Und sie machen mich neugierig auf weitere Bücher von ihr.
Für mich ein grandioser Start ins Bücherjahr 2026.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.