Das dreizehnte Kind von Erin A. Craig hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen. Während die Buchklappe bewusst düster gestaltet ist, entfaltet das Buch ohne Papiereinband eine überraschend elegante, fast märchenhafte Ästhetik. Ein schönes Detail, das gut zur Geschichte passt, ohne im Vordergrund zu stehen. Die Handlung entwickelt sich von Beginn an eher gemächlich und aufbauend, dennoch schafft es die Autorin mit viel Atmosphäre, Detailreichtum und emotionaler Tiefe Lesefreude zu schaffen.
Inhaltlich nimmt sich Erin A. Craig viel Zeit für Weltaufbau, für gesellschaftliche Strukturen und für Emotionen. Gerade der ruhige Beginn hat mir sehr gefallen, weil dadurch Hazels (Protagonistin) Umfeld und ihre innere Welt besonders greifbar werden. Die Vernachlässigung, die sie innerhalb ihrer Familie erfährt, ist tragisch und berührend geschildert, ohne je plakativ zu wirken. Hazel erscheint emotional reif, aufmerksam und reflektiert, gleichzeitig aber (für mich persönlich) auch nicht immer besonders sympathisch. Da meine Sympathie ggü. dem Hauptcharakter für mich sehr wichtig ist, hätte ich dafür nahezu ein Stern Abzug gegeben, insgesamt hat mir das Buch aber trotzdem zu gut gefallen für vier Herzen.
Besonders gelungen fand ich die stetig wachsende Spannung, die weniger aus äusseren Bedrohungen entsteht als aus Andeutungen, offenen Fragen und moralischen Grauzonen. Die Rolle der Gottheiten, ihre Motive und ihr Interesse an Hazel wecken grosse Neugier und verleihen der Geschichte eine unterschwellige Unruhe, die sich durch den gesamten Roman zieht. Auch die Nebenfiguren sind vielschichtig angelegt: Beziehungen wirken ambivalent, Vertrauen nie selbstverständlich und die Frage nach dem Happy-End zieht sich durch das Buch hindurch.
Der Roman liest sich durchgehend flüssig und trotz seines Umfangs überraschend leicht. Einzelne Entscheidungen von Hazel waren für mich störend, was zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit dem Buch führte. Dass (für mich) nicht immer alles sinnvoll oder nachvollziehbar war, schätze ich aber auch sehr. Es regte zum Nachdenken an und verleiht der Geschichte Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Das Ende kam für meinen Geschmack etwas abrupt und liess einige Aspekte offen, die Potenzial für weitere Vertiefung geboten hätten. Dennoch mindert das meinen positiven Gesamteindruck nicht stark: Das dreizehnte Kind ist ein atmosphärisch dichter, emotional packender Fantasyroman mit starker Hauptfigur und einer schön gestalteten, detailreichen Welt, die lange im Kopf bleibt.