Meral Kureyshis Roman Im Meer waren wir nie ist ein stilles, poetisches Werk, das sich der linearen Erzählweise entzieht. In kurzen, fragmentarischen Episoden entfaltet sich das Leben einer namenlosen Ich-Erzählerin, die zwischen Generationen, Kulturen und Beziehungen steht.
Im Zentrum steht ihre Beziehung zu Lili, der Grossmutter ihrer besten Freundin Sophie, die sie im Altersheim betreut. Rund um diese Begegnungen fügen sich Erinnerungen, Beobachtungen und Gedanken zu einem feinen Mosaik, das nach und nach ein vielschichtiges Bild ihres Lebens entstehen lässt.
Die Erzählerin wirkt oft zurückhaltend, fast kühl, als würde sie sich selbst und die Welt durch eine Glasscheibe betrachten. Doch hinter dieser Distanz liegt eine tiefe Verletzlichkeit, die sich in jeder Zeile spüren lässt. Zwischen Sophie, ihrer jüngeren Schwester Nuri, dem kleinen Eric und Lili entspinnt sich ein Geflecht aus Nähe, Abhängigkeit und unausgesprochener Zuneigung. Alle sind geprägt von ihrer Geschichte, ihren Verletzungen, ihrem Bemühen, im Alltag Halt zu finden.
Kureyshi schreibt in einer präzisen, poetischen Sprache, die unscheinbare Momente leuchten lässt. Sie braucht keine grossen Gesten, um Gefühle sichtbar zu machen. Die Handlung entwickelt sich langsam, fast unmerklich, wie Wellen, die aneinander anschliessen und ein stetiges, ruhiges Bild formen.
Das Buch lädt dazu ein, innezuhalten, zwischen den Zeilen zu lesen und das Unausgesprochene wahrzunehmen. Wer bereit ist, sich auf den leisen Rhythmus und die dichte Sprache einzulassen, wird mit einer Lektüre belohnt, die lange nachklingt.
Im Meer waren wir nie ist ein Roman über Zugehörigkeit, Erinnerung und die Suche nach einem Ort, an dem man bleiben kann – selbst wenn dieser Ort vielleicht nur in uns selbst existiert.