Auf der einen Seite habe ich mich gefreut, dass ich das Buch fertig gelesen habe. Immerhin ist es mit über 1,000 Seiten ein eher umfangreiches Exemplar. Und doch auch wehmütig, die Figuren, an die ich mich gewöhnt habe, zu verlassen.
Im zweiten Teil der Morgenstern Triologie spielt eben dieser Morgenstern zunächst eine untergeordnete Rolle. Vielmehr wird das Leben von Syvert und Alevtina in jeweils langen Abschnitten sehr detailliert beschrieben. Syvert lebt in Norwegen, schon früh hat er seinen Vater verloren. Vom Charakter her eher ein fröhlicher Pragmatiker, der sich um seine Mutter und den kleinen Bruder kümmert. Alevtina, geboren und aufgewachsen in der Sowjetunion, ist im Gegenteil ein sehr introvertierter Mensch, interessiert sich mehr für Forschung als um menschliche Gesellschaft. Durch einen Besonderen Traum findet Syvert alte Briefe, die ihm zeigen, dass sein verstorbener Vater noch ein anderes Leben hatte. Und diese Spur führt in die Sowjetunion.
Ein weiterer Erzählstrang bezieht sich auf die russische Philosophin und Lyrikerin Vasilisa, mit der Alevtina lose befreundet ist. Hier kommt die philosophische Ebene des Buches direkt durch, denn Vasilisa gibt diesem Buch den Namen.
Also, was macht das Buch aus? Die Schicksale der Protagonisten? Ein bisschen. Was vielmehr meine Begeisterung auslöst, ist die sprachliche Umsetzung, die melancholische Erzählweise und die wunderbar vielschichtig gezeichneten Figuren. Durch die Perspektivwechsel lernen wir sie aus den verschiedenen Blickwinkel kennen. Und dass das, was andere sehen, doch oft weiter weg ist von dem, wie wir uns sehen.
Knausgard ist bekannt für seine Längen, darauf muss man sich einlassen können. Und dann wartet ein gewaltiges Lesevergnügen auf einen.