Was tun, wenn die schöne und preislich erschwingliche Wohnung in Zürich gekündigt ist, da aus den Mietwohnungen nun Eigetumswohnungen mit gehobenen Standig entstehen sollen? Wenn das Fotoatelier, für welches der Vermieter bislang einen symbolischen Mietzins verlangte, nun einen marktüblichen Ansatz rechnet? Tabea Kummer, Deutschlehrerin, und ihr Ehemann, Ludwig, Fotograf, stehen vor der Frage, ob sie das Wohnungsangebot seines Vaters Herbert in Ascona annehmen sollen. “Nur über meine Leiche!”
Wenige Worte nur und die Leser tauchen tief ein in die Befindlichkeiten des Ehepaars Kummer. Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe, ihrem feinsinnigen Humor und ihrer unnachahmlichen Leichtigkeit des Erzählens vermag Alexandra Holenstein in uns ein Gefühl der Vertrautheit zu erwecken, welches uns ihre Protagonisten wie gute alte Freunde empfinden lässt. Haben wir die Kummers nicht schon immer gekannt?
Natürlich lässt sich Tabea von Ludwig überzeugen, dass ein Umzug ins Tessin in die Villa Felicità seines Vaters die beste, die venünftige Lösung ist. Gegen ihre tiefe Überzeugung, dass ihr Schwiegervater der übergrosse Haken an der Geschichte ist: übergriffig, geizig, beleidigend. Auch Sohn Jasper findet Opa gar nicht so schlimm. Tabea willigt also in den Umzug nach Ascona ein.
Es kommt schlimmer als Tabea befürchtet hat. Und ihr Mann Ludwig mutiert zum Schleimer bei seinem Vater, weil er gerne das Malatelier seiner verstorbenen Mutter als Fotoatlier nutzen möchte. Lichtblicke für Tabea sind nur das Stück Garten im Park der Villa, welches ihr als Gemüsegarten zur Verfügung gestellt wurde und die Stelle als Deutschlehrerin, die sie nach den Schulferien antreten wird. Und natürlich der Lago Maggiore in seiner Herrlichkeit. Während Tabea sich mit der Situation zu arrangieren versucht, die skurrile Nachbarin Olivia Herzog erträgt, geschieht der schlimmstmögliche Albtraum. Genervt durch das ständige Bellen und Jaulen von Herberts Hund, verschafft sich Tabea nach erfolglosem Läuten und Rufen Zutritt zur Wohnung ihres Schwiegervaters. Der liegt tot im Wohnzimmer und der herbeigerufene Hausarzt kann einen unantürlichen Tod nicht ausschliessen. Polizeiliche Ermittlungen laufen an und Ludwig scheint dauernd etwas mit der leitenden Kommissarin zu besprechen zu haben. Tabea fühlt sich regelrecht allein gelassen mit ihren Fragen. Also versucht sie, mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, Antworten bei den Freunden des Toten und seinen gekündigten Hausangestelllten und Herberts persönlicher Fitnesstrainerin Kassandra Zweiglein-Bordoli zu finden. Nur ziehen die wenigen Antworten, die Tabea bekommt,noch mehr Fragen nach sich. Warum musste Herbert Kummer, der zwar ein Ekelpaket erster Güte gewesen war, sterben?
Die Autorin lässt ihre Leser an Tabeas Suchen und Zweifeln hautnah teilhaben. Erzähltechnisch gelingt ihr dies meisterhaft, da die Kapitel “Tabea” in der Ichform geschrieben sind. Ludwig bringt eher den Blick von aussen hinzu, denn diese Kapitel werden in der dritten Person erzählt. Ein wunderbares Wechselspiel. Es baut sich fast unbemerkt eine Spannung mit grosser Sogwirkung auf und man fiebert der Auflösung des Mordes entgegen. Eine Überraschung!
Sehr lesenwert! Ein Krimi, der nicht im Mainstream erzählt wird - eher ein Krimi für Geniesser! Der uns zudem authentisch über den Gotthard in das wunderschöne Tessin führt. Kopfkino der Extraklasse!