Mit einem zuerst harmlosen Morgenspaziergang im Wieland Pond beginnt die Reise in die obskuren Untiefen einer amerikanischen Kleinstadt. Sorgfältig und hintergründig – mit eleganten Satzgebilden umschrieben – wird ein Verdacht aufgebaut, der schliesslich zum halb versenkten Auto von Mr. Fox führt. Ob die Leiche wirklich Mr. Fox ist, oder ob der elegant- galante Mr. Fox gar über Leichen geht, um sich aus seiner einmal mehr ausweglosen Situation zu befreien?
Oates beschreibt das Doppelleben dieses beliebten und sich beliebt machenden Lehrers gekonnt und lässt tief in die Psyche dieses getriebenen Mannes blicken. Meisterhaft sind die Szenen, in denen er andere manipuliert, nicht nur jene Schülerinnen, die er begehrt, sondern auch die Schuldirektorin Paige und seine Alibifreundin Imogene. Die Charaktere sind sehr klar gezeichnet, die verschiedenen Szenen entwickeln einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Nachdem Frank Farrell an der vorherigen Schule seinen Kopf nur äusserst knapp mit Hilfe eines Anwalts aus der Schlinge ziehen konnte, ist nur allzu klar, dass er sich am neuen Ort eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen möchte, aber schon bald seine inneren Dämonen und Begierden nicht mehr beherrschen wird. Ob seine moralische Entrüstung echt oder gespielt ist, bleibe dahingestellt. Der Missbrauch der vorpubertären Mädchen und die Auswirklungen, die diese Übergriffe auf die Opfer haben, wie massiv sie diese Mädchen / jungen Frauen innerlich zerstören und sie in eine verzweifelte Abhängigkeit und Einsamkeit treiben wird überaus deutlich. Die erziehenden Personen (Eltern, Lehrpersonen) sind völlig ahnungs- und hilflos, verkennen die Nöte ihrer Kinder ob ihrer eigenen Beziehungsprobleme.
«Das ist der besondere Moment. Von dem Kätzchen niemandem etwas erzählt, nie. Wenn Seelen sich vereinen. Versprechen gegeben werden. Die köstlichsten Geheimnisse». (76)
«Andere dazu bringen, dass sie gut über uns denken, (…) Man konditioniert ständig andere, damit man sie zu einem späteren Zeitpunkt für irgendetwas in Anspruch nehmen kann, (…) die Bekundung von Zuneigung, aufmerksames Zuhören oder die Erzeugung dieses Eindrucks – das alles ist nützlich». (220)
«Andere dazu bringen, dass sie einen mögen, und dadurch vereiteln, dass sie einen nicht mögen - einem misstrauen: Darauf kommt es an». (243)
Mr. Fox kann es nicht leiden, wenn er nicht von allen bewundert und verehrt wird. Da ist ihm keine Heuchelei und keine Ungerechtigkeit zu schade, um bei Eunice zum Ziel zu kommen. Dabei ist ihm nicht bewusst, was solch innige falsche Liebe für Abhängigkeiten erzeugt, wie diese vermeintliche Liebe für die Mädchen wie eine Erlösung aus ihrem Dornröschendasein wird, wie sie meinen, endlich von jemandem wahrgenommen zu werden. Dass das letztlich zu noch grösseren Selbstzweifeln und Selbstverletzungen führt, ist ihm nicht klar.
Ob dann der mysteriöse Tod von Mr. Fox durch Detektiv Zwender aufgeklärt werden kann?
«Es gibt Dinge, die müssen unter der Decke gehalten werden. Wenn man sich entscheiden muss, die Wahrheit publik zu machen oder Unschuldige zu schützen, zum Beispiel die unschuldigen Opfer von Francis Fox, bin ich für den Schutz der Unschuldigen». (735)
Es ergeben sich einige grundsätzliche Gedanken:
Wer weiss schon, was wirklich wahr ist, wessen Erinnerung was wie ausgeschmückt, weggelassen, zurechtgebogen hat? Ja, und wie ist es mit der so viel beschworenen Seelenverwandtschaft, ist das nur Geflunker oder Seelen ultimativ packende Realität? Und wenn eine Seelenverwandtschaft plötzlich stirbt, bleibt die Verbindung einseitig bestehen, oder rechtfertigt sie sogar den Tod?
«Gleich als sich unsere Blicke begegneten, erkannten wir einander. Denn unser Wissen um einen anderen entstammt der Seele, nicht unserem äusserlichen Sein. Und es wird eine Zeit geben, in der unsere Seelen nicht vereint sind». (754)
Vor allem: dieses pseudophilosophische Geschwurbel von Mr. Fox rechtfertigt keinesfalls seine Übergriffe, seine exaltierten «Liebesbezeugungen», seine gewaltsame Inbesitznahme dieser jungen Menschen, dieser Reduktion von Seelen zu schlafenden schönen Kätzchen. Das alles ist sehr abstossend und doch real.
Vor allem bindet Fox seine Opfer innerlich an sich, mit der vermeintlichen Liebe und Sanftheit, so dass er in ihrem Gedächtnis als der erste – und bedeutendste – Mann haften bleibt, der sie liebte, und sie so für ihr ganzes Leben schädigt.
«Die schlimmste Form des sexuellen Missbrauchs: das Opfer zwingen, grosse Lust zu empfinden. Das Opfer auf eine Weise an den Missbrauchstäter zu binden, die tückischer ist als Vergewaltigung. Fox prägte seine hilflosen Opfer[CH1] auf eine Weise, die so tief geht, dass sie sich nicht ausmerzen lässt, weil sie ihn für immer als Geliebten im Gedächtnis behalten, nicht als Vergewaltiger, der erste Mann, der sie liebte». (608)
«Ich liebe Mr. Fox – es gab nie eine Zeit, in der ich Mr. Fox nicht geliebt habe. Wenn er tot ist, gibt es keinen Grund für mich, zu leben, ihr könnt mich nicht zwingen, zu leben». (612)
Der Schreibstil von Oates ist sehr flüssig, leicht zu lesen und geht doch in die Tiefe, da einen die geschilderten Untaten nicht kalt lassen können, zum Teil sehr abstossend sind: nicht nur die sexuellen Übergriffe, sondern auch die erpresserische Notengebung und Ungleichbehandlung der Schüler:innen; auch das Anbandeln, abhängig machen und dann fallen lassen. Man sieht das Kleinstadtleben bildlich vor sich und riecht die verstaubten Gänge der Academy, das leicht abgehobene Getue einer vermeintlich besseren Gesellschaft. Der Krimi ist in seiner ganzen Länge interessant aufgebaut, die Personen werden gut eingeführt und tauchen zu gegebener Zeit wieder auf; allerdings sind einige Szenen auch ein wenig in die Länge gezogen. Ein eindrücklich-eindringliches Leseerlebnis!
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[CH1]