«So tickt Bern» – Annäherung einer Ostschweizerin von Mirjam Comtesse
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Was passiert, wenn eine Ostschweizerin nach Bern zieht und beginnt, die Hauptstadt mit wachen Augen zu beobachten? Das Ergebnis ist ein kleines, feines Buch voller Witz, Selbstironie und treffender Beobachtungen: «So tickt Bern» von Mirjam Comtesse, erschienen 2021 im Berner Kleinverlag Einfach Lesen.
Comtesse ist Redaktorin bei der Berner Zeitung, wo sie über Bildungspolitik und Gesellschaftsthemen schreibt – und in diesem Rahmen entstanden auch die Berndeutsch-Kolumnen, die den Kern dieses Buches bilden. Was zunächst als Zeitungskolumne gedacht war, hat sich zu einem eigenständigen literarischen Kleinod entwickelt, das man kaum mehr aus der Hand legen möchte.
Das Buch lebt von der besonderen Perspektive der Autorin: Sie ist keine Zugezogene von gestern, aber auch keine echte Bernerin. Comtesse kommt aus der Ostschweiz und lebt seit bald zwanzig Jahren in Bern, und in diesem Buch erzählt sie witzig und gut pointiert über ihre Erfahrungen mit der berndeutschen Sprache. Genau diese Zwischenposition macht ihre Beobachtungen so wertvoll: Sie kennt die Stadt gut genug, um sie zu verstehen, und ist gleichzeitig fremd genug, um zu staunen.
Besonders stark ist das Buch dort, wo Comtesse die berndeutsche Sprache seziert – liebevoll, aber schonungslos. Kein anderes Wort zeigt ihr so deutlich wie «e Lugi», dass sie das Berndeutsche wohl nie ganz durchschauen wird: Wieso ist eine Lüge «e Lugi», und warum nennt man einen Lügner in der Wut auch mal «e Lugihund»? Solche Momente sind nicht nur komisch, sie öffnen auch ein Fenster in eine Sprachkultur, die von aussen oft als stur oder verschlossen wahrgenommen wird – und die sich von innen als überraschend reich und vielschichtig entpuppt.
Das Buch richtet sich sowohl an Zugezogene, die lernen wollen, welche ungeschriebenen Regeln gelten, als auch an Alteingesessene, die mit Erstaunen lesen, was eine Auswärtige als schrullige Eigenheiten wahrnimmt. Dieses doppelte Lesepublikum ist vielleicht die grösste Stärke des Werks: Es funktioniert als Spiegel und als Fenster zugleich.
Ein kleiner Wermutstropfen: Wer ein tiefgründiges gesellschaftskritisches Werk erwartet, könnte etwas enttäuscht werden. Das Buch gewinnt nicht den Wettbewerb des schönsten Buches, und manche Kolumnen bleiben bewusst an der Oberfläche – charmant und unterhaltsam, aber nicht immer mit dem letzten analytischen Biss. Gelegentlich hätte man sich gewünscht, Comtesse würde noch etwas tiefer bohren und die Berner Eigenheiten nicht nur beobachten, sondern auch hinterfragen. Doch dies ist letztlich Geschmackssache – und dem Lesevergnügen tut es kaum Abbruch.
Bereichert wird das Buch durch die Illustrationen von Valentine Zubler sowie ein Vorwort von Bänz Friedli, der selbst ein Kenner der Berner Seele ist und dem Buch einen würdigen Rahmen verleiht.
Fazit: «So tickt Bern» ist ein warmherziges, kurzweiliges Buch, das man an einem langen Nachmittag mit einem Kaffee – oder besser: einem Café crème – problemlos durchlesen kann. Es ist nicht nur ein Lesevergnügen für Bernerinnen und Berner oder für Zugezogene, die gerade rätseln, warum ihr Nachbar sie seit drei Jahren noch nicht gegrüsst hat. Es ist auch eine Einladung an alle anderen, die Schweiz in ihrer regionalen Vielfalt neu zu entdecken. Kurz: «So tickt Bern» empfiehlt sich ausdrücklich – und zwar nicht nur für Ostschweizerinnen und Ostschweizer.