Seraina Koblers neuester Roman ist überraschend, verschlungen und vielschichtig.
Zunächst lernen wir Alesch kennen, einen Wissenschaftler aus einem fiktiven Schweizer Bergdorf, der in Lausanne an Formen zur alternativen Energiegewinnung forscht, während politische Unruhen die Schweiz heimsuchen. In seiner Jugend wurden unzählige Schweizer Bergdörfer zu unbewohnbaren Zonen erklärt, die Menschen zur Umsiedlung «ermuntert». Nicht alle sind der Aufforderung gefolgt. Die alpine Landschaft wird seither von einem Energiemonopolisten zur Stromgewinnung genutzt. Die Deutschschweizer Städte haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen, die Westschweiz ist aussen vor und spürt dies auch wirtschaftlich.
Alesch wird zurück in sein Dorf geschickt, um die verbliebenen Bewohner zur Umsiedlung zu überreden. Doch bei seinen privaten Messungen fallen ihm Ungereimtheiten auf, die einen ungeheuerlichen Verdacht nahelegen.
Warum ich das so ausführlich beschreibe? Um die Handlung für mich besser zu sortieren. Denn insbesondere die dystopischen politisch-wirtschaftlichen Zusammenhänge und ihr möglicher Bezug zu unserer Realität werden immer wieder angerissen, aber nicht ganz ausformuliert. Es braucht daher ein Verständnis der aktuellen Situation, um diesen Aspekt des Romans einordnen zu können. Vielleicht steht die energiepolitisch begründete Spaltung aber auch sinnbildlich für das fehlende Verständnis füreinander, das bereits heute herrscht?!
Koblers Roman gibt jedenfalls diverse Denkanstösse. Mich fasziniert dabei einmal mehr die Frage, wie Autor*innen auf ihr jeweiliges Thema kommen. Kobler schreibt unkonventionell, ein wenig sperrig, finde ich, ihre Beschreibungen sind teils opulent, die Sätze entsprechend verschachtelt. Dann wieder nüchtern und knapp. Scheint der Roman zunächst geradlinig und ruhig erzählt, tauchen schon bald Anzeichen für Doppeldeutigkeiten auf und zum Ende wird die Handlung geradezu rasant. In Koblers Dialogen wird nicht alles ausformuliert, es bleiben Lücken, jedenfalls kam es mir so vor, hier sind wir als Lesende gefragt, diese zu schliessen. Das erschwerte mir bisweilen die Lektüre, zumindest war sie nicht einfach so zugänglich. Ein Roman, den ich mir erarbeiten musste, der mich in ein abgelegenes Bergdorf mit Mythen und Traditionen entführt hat, der mir aber auch Zukunftsszenarien vor Augen führte.
Ein Roman für alle, die sprachlich und thematisch anspruchsvolle Romane schätzen und gern über das Gelesene nachdenken.