Tara Menons Debütroman erzählt die Geschichte von Marissa, die als Kind in Thailand eine innige Freundschaft zu Arielle schliesst. Gemeinsam tauchen sie, treiben sich mit Mantarochen durch das Meer – bis der Tsunami am 2. Weihnachtstag 2004 alles zerstört und Arielle spurlos verschwindet. Jahre später lebt Marissa in New York und glaubt, Arielle immer wieder an Strassenecken zu sehen – Visionen, die sich häufen, als 2012 Hurrikan Sandy die Stadt bedroht.
Die Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner Atmosphäre. Menon lässt die Lesenden mit ihrem Schreibstil auf einer fast körperlichen Ebene erfahren, wie diese Welt schmeckt, riecht und sich anfühlt. Die Beschreibungen des Meeres und der Natur sind eindringlich und poetisch.
Doch genau hier beginnt mein grösstes Unbehagen mit dem Buch: Marissa ist, auch Jahre nach der Katastrophe, tief in ihrem Trauma gefangen. Sie sieht ihre tote Freundin auf der Strasse, sie kann nicht loslassen, sie funktioniert – aber sie heilt sie nicht. Beziehungen bleiben oberflächlich. Was mich als Leserin dabei am meisten beschäftigt: Professionelle psychologische Hilfe scheint für Marissa schlicht nicht zu existieren. Kein Therapeut, keine Trauerbegleitung, keine Freundin oder ihr Vater kein Raum für echte Verarbeitung. Stattdessen trägt sie ihr Leid jahrelang allein – und der Roman behandelt das als selbstverständlich.
Das ist keine Kleinigkeit. Gerade weil das Buch so eindringlich zeigt, wie tief Marissa leidet, wirkt das Fehlen jeglicher Unterstützung fast fahrlässig – sowohl erzählerisch als auch gesellschaftlich. Es fehlt die Auseinandersetzung damit, dass Trauma Hilfe braucht.
Im Kern ist Unter Wasser eine Geschichte über den tiefen, anhaltenden Schmerz, den man um eine wahre Freundschaft empfinden kann – und dieses Gefühl ist absolut nachvollziehbar. Als vollständige emotionale Erzählung über Trauma und Heilung bleibt das Buch jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Ich gebe dem Buch 3 von 5 Herzen weil die Wasserwelt so schön beschrieben wird und man gerne in diesen Korallenriffen selber schwimmen möchte. Das Buch ruft nach einer Fortsetzung, da einiges noch fehlt und nicht Verarbeitet ist.