Der 12 Jährige Hanns-Josef Ortheil besucht zusammen mit seinem Vater Berlin, die Stadt, in der seine Eltern vor seiner Geburt (1951) während dem zweiten Weltkrieg und eine Weile danach gelebt hatten. Eine Stadt und Zeit, die für seine Eltern viele Erinnerungen birgt.
Für mich eine Leseerfahrung, bei der ich spontan dachte, welch ein Glück ich habe, dieses Buch (und viele andere) lesen zu dürfen. Es war, als ob ich als kleine Maus im Nacken dieses erstaunlichen Jungen alles mithören, sehen, die Regungen mitfühlen dürfte.
Der Autor hat bereits als Kind (ab ca. 7 J) notiert, was er beobachtet, erlebt, schlussfolgert. Seine Berlinnotizen hat er nach der Berlinreise ausgearbeitet. Ortheil veröffentlicht diese Ausarbeitung in diesem Buch “Die Berlinreise”. Es ist in der kindlichen Sprache des Zwölfjährigen widergegeben. Eine Sprache, welche das Gemüt des Kindes spiegelt, die ich aber als sorgfältige, überlegte Schreibweise und gute Wortwahl empfinde.
Im Buch wird die Reise nach Berlin beschrieben und jeder Tag, den Hanns-Josef mit seinem Vater in Berlin verbringt. Meistens beginnend mit dem Aufstehen. Sie wohnen in einer Pension, in der es direkt familiär zugeht. Die Wirtsleute sind bekannt, oft finden Treffen mit einem Freund (Reinhold) des Vaters aus früheren Tagen statt. Besonders schön sind die Exkursionen in denen die beiden nur zu zweit sind. Die Verbundenheit wird erlebbar, sehr berührend, wie sie miteinander umgehen, ausmachen, was sie unternehmen wollen. Es gibt Ausflüge zum Zoo, zweimal in den Osten, zum Potsdamer Platz, an dem auch eine Versammlung und Rede stattfindet, einen Konzertbesuch in der Berliner Philharmonie (Hanns-Josef Ortheil hatte schon als Kind eine grosse Vorliebe für das Musizieren und ist auch Pianist). So geht man einerseits mit auf Erdkundungstour, die allerdings vor allem dadurch geprägt ist, wie das Duo die Stadt betrachtet und man sehr nah an das Erleben des Jungen kommt.
Ich habe unterschiedliche Erzählformen entdeckt, die jede für sich ihren besonderen Reiz hat.
Betrachtungen (quasi von aussen), in denen der Junge ein bestimmtes Thema, das ihm gerade begegnet ist, analysiert:
Gerührtsein
Als ich gesehen hatte, wie Reinhold und der ältere Mann und die ältere Frau Papa begrüssten, wusste ich, was Papa mit Gerührtsein gemeint hatte. Papas Freunde und Bekannte, die in Berlin geblieben waren, erinnerten sich an die Vergangenheit und die Zeit, die sie zusammen mit Papa in Berlin verbracht hatten. Beinahe zwanzig Jahre waren seither vergangen, und alle waren darüber gerührt, dass sie noch immer lebten und wieder zusammengekommen waren, so wie vor zwanzig Jahren.
Dialektik
Dialektik ist bestimmt etwas sehr Durchtriebenes und Kompliziertes. Jedenfalls klingt das Wort so. Es klingt nach Zaubertricks oder nach einem mehrfachen Axel auf dem Eis, nach dem der Eiskunstläufer plötzlich im Eis verschwindet und sich in Luft auflöst. Ich vermute, “Dialektik” muss man ein Leben lang üben, und selbst wenn man es ein Leben lang geübt hat, kann man mit ihr sehr leicht abstürzen.
Es gibt Schilderungen von dem, was sie sehen:
(Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche)
Wir sind dann wirklich hinein gegangen und haben sie ausführlich besichtigt. Als erstes fallen einem die vielen kleinen und blauen Glasfenster auf, aus denen die Wände bestehen. Geht man an ihnen entlang, glaubt man, in einem Aquarium zu sein, so blau und wässrigt sehen die kleinen Fenster aus. Auf dem Altar brennen zwölf Kerzen, die an die Jünger Jesu erinnern, und über dem Altar schwebt der Herr Jesus selbst mit weit ausgebreiteten Armen, als wöre er gerade wie ein Schwimmer aus dem blauen Wasser aufgetaucht.
Die dritte Erzählform, die mir aufgefallen ist: Dialoge und auch die stille Zeit zwischen Vater und Sohn:
Als Papa wieder neben mir sass, fragte ich ihn das, und er antwortete: “Neinnein, das war kein Scherz. Ich würde wirklich gern mal ohne Führung und Bus und Belehrungen durch Ost-Berlin gehen.” Da sagte ich, dass ich mir genau das auch schon während der Führung gewünscht hätte. Un Papa schaute mich an und sagt: “Na denn. Dann machen wir es einfach. Einverstanden?”
Und schliesslich sind da noch Papas kleine Vorträge, wie der Junge sie nennt – ebenfalls einfach nur herrlich.