Mit Ósmann hat Joachim B. Schmidt einen Roman geschaffen, der mich zunächst herausforderte, aber am Ende tief berührte.
Zu Beginn fiel es mir nicht leicht, in die Geschichte hineinzufinden. Die theatralische Erzählweise wirkte auf mich anfangs befremdlich und stellenweise sogar anstrengend. Ich brauchte Zeit, um mich auf den Ton und die besondere Dramaturgie einzulassen. Doch genau darin liegt letztlich auch die Stärke dieses Romans: Es ist eine Art ,,Aussenansicht’' in ein sehr eingeschränktes Setting und letztlich kann man auch überhaupt keinen Einfluss auf die Geschichte nehmen, auch wenn man das wirklich teilweise sehr gern täte.
Mit jeder Seite lernte ich Ósmann mehr zu schätzen. Was für eine beeindruckende Figur! Ein vermeintlicher Trinker und Einsiedler… Aber dahinter versteckt sich ein liebevoller, charismatischer, zutiefst menschlicher Mann, der für andere da ist, hilft, vermittelt, trägt, aushält. Doch gerade dieses „Aushalten“ bekommt im Verlauf der Geschichte ein immer größeres Gewicht. Ósmann muss zahlreiche Schicksalsschläge über sich ergehen lassen – Verluste, Enttäuschungen, innere Kämpfe. Er trägt sie mit Würde, fast stoisch, und stellt sein eigenes Leid immer hinter das der anderen zurück. Diese still ertragene Last verleiht seiner Figur eine besondere Tiefe und macht sie so menschlich.
Gerade deshalb trifft das Ende mit voller Wucht… Es bleibt die schmerzliche Frage: Er war für alle da – aber wer war für ihn da?
Die Tragik dieses Romans entsteht nicht aus einem einzelnen Ereignis, sondern aus der Summe dessen, was ein Mensch über Jahre hinweg tragen kann, und irgendwann nicht mehr tragen kann.
Ósmann ist kein leichter Roman, aber ein großer. Ein Buch über Menschlichkeit, Einsamkeit und die oft unsichtbaren Lasten derjenigen, die immer stark erscheinen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der anfänglichen Hürde vergebe ich von Herzen 5 von 5 Sternen.