Abschied(e) - diese Form des Titels ist die Kurzform dafür, dass sich Barnes in der Einzahl mit diesem teilweise autobiografischen, teilweise fiktionalen Werk von seinem Schreiben und als Buchautor von seiner Leserschaft verabschiedet. In der Mehrzahl lesen wir von unterschiedlichen Formen des Abschieds, beispielsweise vom Abschied von seiner Frau, die etwa acht Jahre vorher gestorben ist. Den grössten Raum nehmen die Erinnerungen und die Betrachtung über das Erinnern ein und damit auch über die eigene Endlichkeit. Barnes hat eine Blutkrebs-Diagnose erhalten. An dieser Erkrankung wird er vermutlich nicht sterben, aber mit ihr.
Seine Betrachtungen stellt er auf eine ausgesprochen interessante Weise an, oft analytisch und manchmal philosophisch. In die Mitte des Buchs hat Barnes eine, so denke ich, erfundene Geschichte über ein Freundespaar eingeflochten. Eine sehr schöne und zu einem guten Teil unterhaltende Geschichte. Auch hier geht es um Abschiede, Erinnerungen und Wiederfinden. Der Hund Jimmy hat einen schönen Part in diesem Teil - er ist einfach köstlich, ich möchte ihn am liebsten adoptieren.
Das Buch hat für mich sehr gut gepasst gerade jetzt, im aktuellen Lebensabschnitt, obwohl es bestimmt auch jüngere Leser:innen ansprechen dürfte. Gerade die Betrachtungen über das Erinnern waren eine grosse Bereicherung für mich und ich möchte sie nicht vergessen - was in Anbetracht des Titels und dem Wesen von Erinnerung eine lustige Vorstellung ist. Barnes schreibt, wie neuropathologische Ereignisse Erinnerungen beeinflussen können - Menschen, die sich überfallartig bei einer bestimmten Wahrnehmung an alle vergangenen Ereignisse dieser Art erinnern, z.B. an alle Kuchen, die jemand je gegessen hatte. Natürlich wird auch dem Vergessen und dem Verschwimmen von Erinnerungen Rechnung getragen.
Den Schreibstil von Julian Barnes mag ich sehr, mitsamt seinem feinen, scharfsinnigen Humor, der immer wieder mal hervorblitzt. In diesem Buch ist es oft so, als könnte man seinen Gedankengängen lauschen, wie sie einfach so fliessen, ohne willentlich in Form gebracht zu sein, und dann wieder, als würde er sich mit der Leserschaft unterhalten.
Eine grosse Empfehlung!
“Aber Dodie, du weisst doch noch, dass du einmal eine berühmte Bühnenautorin warst?” Und Dodie antwortete zögernd: “Ich glaube schon.” Damals fand ich das nur furchtbar traurig; später erkannte ich die prophetische Ironie. Ich machte gerade meine ersten tastenden Schritte am Anfang einer literarischen Karriere. Die Vorstellung - die blosse Vorstellung -, du schaffst, das beinah Undenkbare und “wirst Schriftsteller”, vielleicht sogar ein erfolgreicher, und was steht dir am Ende deines Lebens womöglich trotz allem bevor? Das Vergessen von allem, was du am sehnlichsten erreichen wolltest; das Auslöschen aus dem eigenen Gehirn von allem, was du dir vorgenommen und gestaltet und in die Welt hinausgeschickt hast. …