Die Flammende von Kristin Cashore ist ein aussergewöhnlicher zweiter Band – und vielleicht gerade deshalb der stärkste der Reihe. Zu Beginn wirkt es, als habe diese Geschichte nichts mit Katsa und Band 1 zu tun. Ein neues Land, neue Regeln, eine neue Protagonistin. Doch genau dieser Bruch ist Absicht – und er entfaltet eine enorme Wirkung.
Im Mittelpunkt steht Fire, die Rothaarige mit unwiderstehlicher Schönheit. Ihre Welt ist ebenso feindselig wie die Katsas, auch wenn sich die Bedrohung anders zeigt. Wieder ist es die Angst vor weiblicher Macht, die Misstrauen und Gewalt hervorbringt. Fire wird nicht gefürchtet wegen koäörperlicher Stärke, sondern wegen dessen, was sie auslöst. Auch ihr wird eingeredet, sie sei ein Monster. Und auch sie muss lernen, sich gegen dieses Bild zu behaupten.
Fire ist eine zutiefst starke Figur. Mutig, reflektiert und erstaunlich selbstlos geht sie ihren Weg. Sie nimmt das, was als Fluch gilt, an und macht etwas Gutes daraus. Gerade darin liegt ihre Kraft. Sie zeigt, dass Anderssein nicht negativ ist, sondern einfach anders. Dass Menschlichkeit bedeutet, die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen und sie nicht zu verleugnen, sondern bewusst zu leben.
Mit Fire lernen wir ein weiteres Königreich der sieben Königreiche sehr genau kennen. Geschichte, Machtstrukturen und alte Wunden werden Schicht für Schicht freigelegt. Kapitel für Kapitel erweitert sich das Bild dieser Welt. Wie zentral diese Geschichte für das gesamte Universum ist, wird jedoch erst später wirklich deutlich – und genau das macht diesen Band so besonders.
Die Flammende ist kein klassischer zweiter Teil, der eine Handlung einfach fortsetzt. Es ist der Band, der aus einer guten Geschichte ein vielschichtiges Universum macht.
Feurig, mutig und kompromisslos zeigt dieser Roman, wie gross Cashores erzählerische Vision ist. Die Flammende fordert Geduld, belohnt sie aber reich. Ein Band, der Grenzen sprengt, Erwartungen unterläuft – und beweist, wie kraftvoll Geschichten sein können, wenn sie den Mut haben, neue Wege zu gehen.