Als ich jung war, sprach niemand über Depressionen. Heute ist das zum Glück anders. Und dennoch gibt es, trotz der wichtigen Aufklärungsarbeit, die Betroffene und Fachpersonen leisten, immer noch viel Unwissen und Vorurteile über diese schlimme Krankheit.
Ich selber wusste lange nicht, dass ich eine Depression habe. Ich fühlte mich nur seltsam schwer und schob das auf meinen Bewegungsmangel.
Dass die Depression sich auf den Körper auswirkt, dass man zeitweilig nicht mal genügend Kraft hat, um die Augenbrauen zu heben, das lernte ich nach und nach.
Bis dahin machte ich alles Mögliche für meine Kraftlosigkeit verantwortlich, nur nicht die Krankheit.
Ulrike Michels Buch “Glücklich trotz Depression” erschien 2025. Es ist die eindrückliche Schilderung einer beruflich erfolgreichen Frau, die wie aus dem Nichts von Tränen, Hilfs- und Kraftlosigkeit heimgesucht wird. Sie beschreibt in diesem Buch ihren Weg und gibt wertvolle Handreichungen, vom Mindset über die Ernährung, um mit dieser Krankheit zu leben.
Toxische Positivität - ganz wichtig, dass das in diesem Buch zur Sprache kommt. Denn Schönreden bringt die Krankheit nicht zum Verschwinden. Depression ist keine schlechte Laune, auch kein Stimmungstief und noch weniger Faulheit. Es ist ein Stoppschild der Seele - bis hierhin und nicht weiter. Wie kann es sein, dass Depression nunmehr als Volkskrankheit gilt? Sind wir alle lebensunfähig geworden? Oder ist es vielmehr so, dass der Konsumkapitalismus heute in eine Richtung abgedriftet ist, die keinem Menschen mehr guttut. Die nicht mal seinen Befürwortern guttut.
Was dann ansteht, ist eine Änderung der Gewohnheiten, das Leben wird auf den Kopf gestellt. Dass man die Depression durch Pillen oder gut Zureden verscheuchen könnte, ist eine Illusion, noch dazu eine, die alles noch verschlimmert.
Ganz wichtig auch, wie alles beginnt. Die Autorin schildert Streiterein mit ihrem Partner. Konflikte und der Versuch, sich davor zu schützen - auch das eine Einstiegsfunktion der Depression. Sie schaltet sich dazwischen, will einen vor Schlimmerem bewahren. Aber irgendwann, wenn die Konflikte sich häufen, verfestigt sich dieser innere Stillstand. Was als Schutz begann, wird zum Gefängnis. Die gute Nachricht aber ist: Man kann das Gefängnisgitter behutsam, Stab für Stab demontieren und ihm entkommen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es geht.
Ein wichtiges Buch. Danke an die Autorin fürs Teilen ihrer Geschichte.