Pantha Rhei - alles fliesst. Das ist das wohl bekannteste geflügelte Wort aus Heraklits schmalem Werk, das es von den Vorsokratikern bis in unser Jahrhundert geschafft hat.
Was will man über eines der bedeutendsten Werke der abendländischen Philosophie schreiben? Hier kann man weder empfehlen noch kritisieren noch abraten. Eine Meditation ist eher am Platz. Einfälle, die beim Lesen kommen und gehen.
Wie alle Väter der Philosophie war auch Heraklit ein strenger Naturbeobachter. In sein Fazit, dass alles fliesst, hat er sich selbst mit einbezogen.
Unsere Sinne verraten uns vieles über Vergänglichkeit und Beständigkeit in unserem Leben. Man könnte sich ja fragen, wozu es diesen Körper braucht. Ob wir nicht auch ohne denken und fühlen könnten. Eine berechtigte Frage.
Doch zur sinnlichen Erfahrung gibt es bislang kein Gegenstück. Geröstete Kaffeebohnen riechen vor dem ersten Kaffee anders als nach dem dritten. Weil der Kaffeegenuss uns verändert.
Was gleich bleibt, ist der Kern, welcher die Veränderung bemerkt. Das ist die Konstante. Im Wandel bleiben wir dieselben. Gäbe es keinen Wandel, so auch keine ihn rahmende Beständigkeit.
Wer sich inmitten des Wandels verliert, neigt dazu, sich zurückbesinnen zu wollen. Wo wollte ich ursprünglich hin? Warum habe ich dieses Projekt begonnen? Dabei sind wir längst nicht mehr dieselben wie am Anfang. Das Warum ist für immer abhanden gekommen.
Heraklit fordert uns hingegen auf, im Hier und Jetzt zu leben. Die Gegenwart soll durch unsere Poren dringen. Wir hören das Plätschern des Regens, wenn es regnet oder ein im Innenhof spielendes Kind, welches dauernd “Luise” ruft, obwohl Luise direkt vor es Gummitwist spielt. Das Gummi hat sie um einen dünnen Baumstamm gebunden.
Auch Hochsensible wie ich können von Heraklit profitieren. Wir sind von Sinneseindrücken schnell überfordert, brauchen die Sammlung und die Ruhe, um alles zu sortieren. Aus der “Luise” könnten wir ein Gedicht machen, hätten wir das Talent dazu, während für andere das schreiende Kind eine Nervensäge ist, nichts weiter.
Ich würde das gerne können, dieses Eingehen ins Labyrinth, ohne Rück- oder Vorausblick auf das Finden des Auswegs. Dieses Wälzen der Formulierung, nach links und zurück, wie eine Waschmaschine. Bis sie zum Stillstand kommt.
Heraklit hätte Waschmaschinen gemocht. Bestimmt. Seine Gedanken sind nicht manieristisch verschnörkelt, aber in ihrer Einfachheit streng durchdacht. Das ist eine Kunst, eine Lebens-Kunst.