Um dieses Buch im Kontext zu verstehen, lohnt es sich, zuerst ein anderes Buch zu lesen: Piano Lessons von Anne Goldsworthy. Anne Goldsworthy schreibt mit Piano Lessons ein autobiografisches Buch, in der es vor allem um ihre Klavierlehrerin geht: Eleonora Sivan.
Sivan war eine aussergewöhnliche und inspirierende Frau. So inspirierend, dass Anne Goldsworthys Buch sich vorwiegend um diese Frau dreht. In der Autobiographie wird ausserdem erwähnt, dass der Vater Goldsworthy einen Roman geschrieben hat, welcher ebenfalls von Sivan inspiriert wurde. Dieser Roman heisst Maestro, weshalb ich auf dieses Buch gestossen bin. Aus Neugierde musste ich auch Maestro unbedingt lesen. Hier also meine Meinung dazu:
Maestro selbst, also das Buch, war ehrlich gesagt enttäuschend. Und aber auch sehr interessant. Aber der Reihe nach.
Als literarisches Werk fand ich Maestro nicht besonders interessant. Es gab mir ein schleimiges Gefühl, das von der schleimigen Hitze Südaustraliens herrührte, aber auch von dem Protagonisten - einem jungen Klavierschüler - und seinem Masturbieren, sowie seinem seltsamen, ständig besoffenen Klavierlehrer.
Kennt man das andere Buch und ist man mit Eleonora Sivan vertraut, erhält Maestro eine neue Bedeutung und wird sehr interessant zu lesen. So, wie der junge Klavierschüler seinen Maestro anhimmelt, hat auch Anne Goldsworthy (die Autorin der Autobiografie) ihre Klavierlehrerin angehimmelt, als sie damals bei ihr in die Klavierstunde ging. Und auch macht der Klavierschüler mit seinem Lehrer die gleiche Entwicklung durch wie damals Anne Goldsworthy als junge Klavierschülerin: erst findet sie die Lehrerin seltsam, dann strengt sie sich an, und zum Schluss ist sie ¨überzeugt, dass Sivan die Einzige ist, die das Klavierspiel jemals richtig verstanden hat.
Interessanterweise wurden die Autobiografie und Maestro ja nicht von der gleichen Person geschrieben. Sondern die Autobiografie hat Anne Goldsworthy geschrieben, und Maestro hat ihr Vater geschrieben. Und doch lebt in beiden Büchern diese Frau Sivan unverkennbar zwischen den Zeilen. Sie muss eine unglaubliche Persönlichkeit gewesen sein, weit über ihr Klavierspiel hinaus.
Alles in allem ist der “Maestro”, der “Meister” (der im Buch übrigens Edouard Keller heisst) nur ein billiger Abklatsch von Sivan. Und doch bin ich froh, dass ich das Buch gelesen habe. Denn es macht noch einmal deutlicher, wer Eleonora Sivan war. Und dass man ihr mit Worten und auch mit einer Hommage in Form eines ganzen Romans niemals gerecht werden kann. (Naja, eine offizielle Hommage war es wohl nicht - denn Sivan war definitiv keine verkorkste Alkoholikerin. Aber es ist sind viele andere ihrer Eigenschaften in diesem Buch, sodass ich es trotzdem als Hommage verstehe.)