«Das Geschenk» von Gaea Schoeters wurde mir tatsächlich geschenkt und es hat mich von der ersten Seite an hineingezogen. Die Ausgangssituation ist auf den ersten Blick grotesk und scheint beinahe unmöglich: Mit Elefanten in Berlin hat schliesslich niemand gerechnet. Und doch ist es genau diese absurde Prämisse, die dem Text seine besondere Kraft verleiht. Die Elefanten wirken zunächst wie ein skurriler Einfall, entpuppen sich jedoch rasch als starkes literarisches Mittel, um gesellschaftliche, politische und moralische Fragen sichtbar zu machen.
Gerade diese Dickhäuter halten uns den Spiegel der Gesellschaft vor und zeigen auf pointierte und zugleich unangenehm treffende Weise, wie der globale Norden über den globalen Süden denkt. Die Autorin legt Machtverhältnisse offen, macht koloniale Denkmuster sichtbar und zwingt die Lesenden dazu, die eigene Haltung zu hinterfragen. Dabei gelingt es ihr, schwere Themen nicht belehrend, sondern mit feinem Humor und grosser Klarheit anzusprechen.
Mit Aussagen wie:
«Das Klima interessiert sich nicht für den Menschen. Man kann mit ihm nicht verhandeln. Man kann es nicht bestechen. Oder ausschalten. Es ist wichtiger als alles andere, weil ihm alles andere vollkommen egal ist. Und es ist definitiv wichtiger als du und ich.»
trifft Schoeters meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf. Diese Sätze hallen lange nach und verleihen dem Text eine beinahe essayistische Tiefe. Ihr klarer, deutlicher und schnörkelloser Schreibstil hat mich überzeugt und abgeholt. Der Umgang mit Sprache ist präzise, zugespitzt und zugleich überraschend zugänglich. Besonders beeindruckend finde ich, welche thematische Dichte die Autorin auf weniger als 150 Seiten unterbringt, ohne dass der Text je überladen wirkt.
«Das Geschenk» kann ich wirklich wärmstens weiterempfehlen. Es wird mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Buch gelesen habe, denn viele Passagen laden geradezu dazu ein, erneut gelesen und neu bedacht zu werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es sogar eines meiner persönlichen Jahreslesehighlights 2026.
Ich empfehle das Buch insbesondere all jenen, die sich für gesellschaftliche Fragen interessieren und bereit sind, ihre Perspektive zu wechseln. Mich hat der Text in seiner Gesellschaftskritik auch an Jonas Lüschers «Frühling der Barbaren» erinnert. Und ich bin überzeugt: Wer Lüscher mag, wird auch Gaea Schoeters mit grossem Gewinn lesen.