Diese Erzählung (erste Erscheinung 1853) vereint so viel Humorvolles, Verschrobenes, Tragisches und Liebvolles in sich – eine zeitlose Lesefreude über einen Menschen, der bis zum bitteren Ende einfach lieber nicht(s) möchte. Unglaublich, dass diese Geschichte über 170 Jahre alt ist.
Ein mitfühlender, der christlichen Nächstenliebe verpflichteter Notar, beschäftigt vier ungewöhnliche Mitarbeiter in seiner Kanzlei in London. Und dies trotz derer skurrilen und störenden Animositäten: Turkeys Temperament ist am Morgen gemäßigt und nachmittags cholerisch, während der gereizte Nippers jeweils morgens durch giftige Kommentare auffällt und da ist noch der Junge namens Ginger Nut. Ein Lehrling, der die Botengänge erledigt und dazu gehörte auch, Pfeffernüsse für alle zu besorgen. Bartleby, der zwar ein unauffälliger und fleißiger Schreiberling ist, versteht es vortrefflich, sich von allen anderen Arbeiten zu drücken. Seine konsequente Haltung vertritt er ohne Rechtfertigung oder Erklärung, doch durchaus freundlich mit der Bemerkung: „Ich möchte lieber nicht.“ Diese sanft vorgebrachte Weigerung bringt den toleranten und barmherzigen Chef völlig durcheinander und schlussendlich an den Rand der Verzweiflung. Bartleby ist eine interessante Figur, die viele Fragen aufwirft. Die werden auch nie beantwortet. Etwas spannender fand ich jedoch den Notar: wie er versucht, Bartleby zu bewegen, wie er nach kreativen Lösungen sucht, wie er versucht, sich mit der Situation abzufinden, und wie es ihm einfach nicht gelingt, diesem passiven Widerstand etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen. Die zwischenmenschliche, sich auf das Umfeld immer weiter ausbreitende Dynamik ist fantastisch beschrieben. Hübsches Büchlein mit Essay über viele Deutungsversuche im Laufe der Zeit (was mir aber nicht so gut gefallen hat).