Auf 22 Bahnen von Caroline Wahl war ich sehr gespannt. Selten geht eine Autorin so stark durch die Medien wie die junge Deutsche. Umso mehr freute ich mich, dass es nun endlich geklappt hat und ich mir ein eigenes Bild von ihrem Schreibstil und ihrem Buch machen konnte.
Die Geschichte und das Setting haben mich sofort abgeholt, und ich fand mich schnell bei Tilda, Ida und ihrer Mutter wieder. Wahl beschreibt sehr bildhaft und hat meiner Meinung nach die Gabe, Situationen mit wenigen Worten äusserst präzise darzustellen. Besonders gefallen hat mir, dass sich alles so unmittelbar und aus dem Leben gegriffen anfühlt. Vor allem mit Tilda konnte ich mich gut identifizieren. Einerseits liegt das vermutlich daran, dass wir im selben Alter sind und unser Alltag (naturwissenschaftliches Studium inklusive Nebenjob) einige Parallelen aufweist. Aber auch die kleine Ida, die für ihr Alter viel erwachsener ist, als sie eigentlich sein sollte, ist mir mit all ihren Eigenheiten sehr schnell ans Herz gewachsen.
Zudem schätzte ich die Rückblenden und Tildas Erinnerungen, durch die man viel über die Vergangenheit erfährt. Mit dem Ende konnte ich mich allerdings nur teilweise anfreunden. Ich habe es zwar auf meine eigene Art interpretiert, hätte mir aber gewünscht, dass es etwas konkreter ausgefallen wäre. Vielleicht braucht es diese Offenheit jedoch, damit die Fortsetzung funktioniert.
Der Schreibstil von Caroline Wahl war zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Ich glaube, es ist eines der ersten Bücher (wenn nicht sogar das erste), das ich lese, das keine klassischen Kapitel hat, sondern ausschliesslich mit Abschnitten arbeitet. Auch die vielen direkten Reden, die einzelne Passagen beinahe theaterartig wirken lassen, waren zunächst ungewohnt. Dennoch finde ich, dass es der Autorin gelungen ist, dieses Spiel zwischen Erzählung und direkter Rede sehr stimmig zu verbinden.
Persönlich verstehe ich den Hype um Caroline Wahl gut. Ihr Schreibstil und die Geschichte haben mir sehr gefallen. Mein absolutes Lieblingsbuch ist 22 Bahnen zwar nicht, aber definitiv eines, das ich gerne weiterempfehle. Vor allem all jenen, die eine Lektüre suchen, die nah am Alltag ist, leicht daherkommt und dennoch einige tiefgehende Passagen bereithält. Für mich ist es sowohl eine ideale Sommerlektüre als auch ein Buch, das sich hervorragend im Winter vor dem Kamin lesen lässt. Fast schon ein Wohlfühlroman, der jedoch stellenweise stark zum Nachdenken anregt. Die Fortsetzung werde ich auf jeden Fall ebenfalls lesen.