Da ich ebenfalls in jungen Jahren mit der Kirche, Jugendgruppen und weiterem in Berührung kam, habe ich mich schnell ins Setting einfinden und einige vorwiegend im christlichen Kontext genutzte Ausdrücke (Bsp. “Wir wandeln im Heiligen Geist” oder “Wir wollen Beziehung leben”) direkt einordnen können.
Erst war ich mir nicht sicher, ob es sich bei der Geschichte um eine Memoire handelt, habe dann aber gemerkt, dass es wohl Fiktion ist. Diese ist deswegen aber nicht weniger authentisch geschrieben. Es gibt gerade bei den charismatischen Freikirchen aber auch bei manchen Landeskirchen Situationen und Umstände, die mit denen im Buch verglichen werden können.
Esther, die klein gehalten wird, weil sie eine Frau ist, kann ich verstehen mit dem Kontext, den die Geschichte liefert. Ich bin mir sicher, dass es noch einige Gemeinden gibt, die so funktionieren - gerade die fundamentalistischen. Bei Bens Geheimnis muss man nicht ganz so weit suchen, denke ich, wenn man ähnliche Geschichten im echten Leben hören will - was ich wirklich schade finde. Um nicht zu spoilern, gehe ich bei beiden nicht weiter ins Detail.
Nur soviel, dass ich es krass finde, dass der christliche Glaube noch immer so viel Schaden anrichtet, weil Menschen - Christen - das Gefühl haben, sie wären etwas Besseres und auserkoren. Natürlich nicht alle, aber genug, um es so schreiben zu können.
Und damit schaden sie nicht nur Nicht-Gläubigen, sondern auch ihren eigenen Kirchenmitgliedern und sich selbst.
Der Schreibstil und die Charakterbildung hat mir gut gefallen. Sehr angenehm zu lesen und fast keine eindimensionalen Charaktere. Zwar manchmal etwas oberflächlich beschrieben, aber nicht in einem Masse, dass es mich stark gestört hätte.
Zeitweilen wirkte es etwas wirr in der Zeitrechnung und ich glaube zu merken, dass gewisse Reaktionen oder Situationen etwas übermässig portraitiert wurden, um stärker einzuschlagen. Dennoch konnte ich mich gut in die Geschichte einfinden und hab sie gern gelesen.
Es ist bestimmt nicht die revolutionärste Lektüre, aber meiner Meinung nach muss es auch nicht immer die bahnbrechendste Geschichte sein, um diese Thematik auf kreative Art und Weise zu beleuchten. Gerade für Menschen, die in einer solchen Gemeinde aufgewachsen sind/aufwachsen, kann ein solches Buch ein sanfter Anstoss sein, um sich mit dem eigenen, bzw. “antrainierten” Glauben auseinanderzusetzen - ohne dabei mit der Moralkeule zu schwingen und evt. eher einzuschüchtern.