Ein Buch, das nicht nur erzählt, sondern schreit. Ein Buch, das brennt wie die Scheiterhaufen, auf denen Frauen verbrannt wurden. Ein Buch, das schmerzt, weil es wahr ist.
Edinburgh, 4. Dezember 1591. Geillis Duncan sitzt in einer dunklen, feuchten Zelle. Morgen wird sie sterben. Ihr Verbrechen? Sie ist ein junges Mädchen, das heilende Hände hat, das sich nicht fügt, das zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Männer, die sie gefoltert haben, wussten längst, dass sie keine Hexe ist. Aber das spielte keine Rolle. Geillis wurde zum Werkzeug gemacht, um eine andere Frau zu stürzen. Und sie wurde zum Vergnügen benutzt, weil Folter und Machtmissbrauch ein Selbstzweck sind, wenn Menschen – vor allem Männer – in einem System der Gewalt herrschen.
Jenny Fagan erzählt diese Geschichte mit einer Poesie, die wehtut. Mit einer Wucht, die einen niederstreckt. Die Verhöre, die Gewalt, die Unmenschlichkeit – sie stehen nicht explizit im Raum, aber sie sind da. Sie sind in Geillis’ Worten, in ihren Erinnerungen, in den Spuren auf ihrem Körper. Man muss sie nicht sehen, um zu wissen, was geschehen ist.
Geillis ist nicht die Einzige. Sie ist eine von vielen. Und in der Gegenwart, im Jahr 2021, tritt Iris zu ihr in die Zelle. Eine Frau aus der Zukunft, die gekommen ist, um ihr in der letzten Nacht beizustehen. Sie weiß, dass sich manches geändert hat. Aber nicht genug.
Dieses Buch ist keine Fantasy. Es liest sich magisch, aber es ist real. Es ist eine Chronik der Unmenschlichkeit. Und eine Erinnerung daran, dass auch heute noch Frauen unterdrückt, misshandelt, zum Schweigen gebracht werden – in manchen Ländern offener, in anderen subtiler, aber überall spürbar.
Die Sprache ist eindringlich, lyrisch, voller Kraft. Jenny Fagan hat einen Roman geschaffen, der brennt und sich einbrennt. Es war nicht einfach, ihn zu lesen, wegen der Ungerechtigkeit, der Grausamkeit, der Unausweichlichkeit. Aber es gab auch Momente der Zärtlichkeit, der Solidarität, der Liebe.
Ich werde dieses Buch nicht vergessen. Ich werde Geillis Duncan nicht vergessen. Und ich danke Jenny Fagan für diese Geschichte, die zeigt, dass Dämonen nicht in der Hölle sitzen – sondern oft die sind, die über andere richten.
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