22 Bahnen von Caroline Wahl ist ein Buch, dessen grosser Hype sich mir persönlich nicht erschlossen hat – obwohl die Grundlage der Geschichte eigentlich alles mitbringt, was mich hätte erreichen können. Eine Familiengeschichte mit emotionaler Tiefe, Figuren mit Ecken und Brüchen, Themen, die berühren und nachwirken könnten. Das Potenzial ist eindeutig da, umso enttäuschender war für mich die Umsetzung.
Mein grösstes Problem lag in der Erzählweise. Der Text wechselt häufig und unvermittelt zwischen direkter und indirekter Rede, zwischen Dialogen und erzählenden Passagen. Diese Brüche wirkten auf mich nicht bewusst gesetzt, sondern eher fragmentarisch. Besonders die sehr kurzen, oft einsilbigen Dialoge haben es mir schwer gemacht, in die Geschichte hineinzufinden. Szenen bleiben dabei häufig ungesetzt: Es fehlt an Kontext, Atmosphäre und räumlicher Verortung. Dadurch konnte sich für mich kein stimmiges Bild entwickeln, und emotionale Momente verpufften, bevor sie Wirkung entfalten konnten.
Gerade weil die Geschichte an sich eigentlich berührend ist, hat mich diese Art des Erzählens zunehmend frustriert. Statt Nähe aufzubauen, hielt sie mich auf Distanz. Das zeigte sich auch im Verhältnis zur Hauptfigur Tilda. Ich fand keinen wirklichen Zugang zu ihr.
Trotz dieser sehr kritischen Eindrücke ist mir wichtig zu betonen: Ich kann gut nachvollziehen, warum 22 Bahnen viele Leserinnen und Leser begeistert hat. Die reduzierte, fast skriptartige Erzählweise scheint für viele genau den richtigen Ton zu treffen. Für mich wirkte der Text stellenweise tatsächlich mehr wie ein Drehbuch als wie ein Roman – und genau deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Geschichte als Film hervorragend funktioniert, wo Bilder, Mimik und Atmosphäre das ersetzen, was mir beim Lesen gefehlt hat.
Am Ende bleibt für mich das Gefühl, dass dieses Buch schlicht nicht meinen Geschmack getroffen hat. Nicht, weil die Geschichte nichts zu erzählen hätte, sondern weil die Form mir den Zugang versperrt hat. 22 Bahnen ist für mich weniger ein schlechtes Buch als ein Buch, das mir persönlich nichts geben konnte – trotz oder vielleicht gerade wegen seines literarischen Ansatzes.