Eva und Max sind Kinder einer deutschen Mutter und eines amerikanisch-jüdischen Kriegsveteranen. Nach der Scheidung kehrt der Vater in die USA zurück, Max arbeitet dort als Anwalt, während Eva und die Mutter in Deutschland bleiben.
Elisabeth Bronfens Roman handelt von der Spurensuche des Geschwisterpaars bezüglich des Tods ihres Vaters. Dieser stirbt in den USA, nachdem er ein zweites Mal geheiratet hatte. Die Theaterwissenschaftlerin Eva gelangt sichtlich beeinflusst von Shakespeares Tragödien, mit denen sie sich gut auskennt, zur Überzeugung, die Stiefmutter habe ihren Vater ermordet.
Wie auch bei Hamlet, der vom Geist seines verstorbenen Vaters von dessen Ermordung erfährt und sich nachher daran macht, diesen zu rächen, lässt Eva die Überzeugung von der Schuld der Stiefmutter keine Ruhe. Zusammen mit ihrem Bruder begibt sie sich auf Spurensuche.
Dieser Erzählstrang ist eng verwoben mit dem Thema der Vergangenheitsbewältigung. Denn Eva will von der Mutter wissen, was in den Dreissigern und Vierzigern in Deutschland lief. Die Romanhandlung ist in den Neunzigerjahren angesiedelt, also fünfzig Jahre nach Kriegsende. Doch die Nazizeit geistert nach wie vor in den Familiengeschichten umher, so wie auch Hamlets Vater wiederkommt und von seinem Sohn die Wiedergutmachung des ihm geschehenen Unrechts einfordert. So ist auch Eva wissensdurstig, erhält aber von der Mutter nur tröpfchenweise Auskunft, so wie auch Claudius laut Eingebung des Totengeistes seinem Bruder Gift ins Ohr getröpfelt haben soll.
Elisabeth Bronfen versteht es sehr gut, die verschiedenen Themenkomplexe zu einem spannenden Krimi zu verweben, in dem mit literaturgeschichtlichen Anspielungen nicht gespart wird, angefangen mit einem Seitenblick aufs Schneewittchen im Motiv der mörderischen Stiefmutter bis hin zur Verflechtung der Handlungsmotive nach dem Prinzip des von Bronfen selbst geprägten Begriffs des Crossmappings.
Fiktion prägt unser Selbstverständnis. Das sieht man nicht nur in individuellen Biografien, sondern auch im Selbstverständnis von Nationen und Kulturen. Der einsame und ausgemergelte Don Quixote wurde weltberühmt als einer, der, Ritterromane für bare Münze nehmend, Windmühlen den Kampf ansagt, in der Meinung, sie seien gefährliche Riesen. Hier leitet ein Einzelner seinen ganz persönlichen Lebenssinn aus einer ganz und gar unpersönlichen Lektüre, unhinterfragt ab. Der ritterliche Lebensstil ist im hageren Ritter zugegen, als die Renaissance längst in vollem Gange ist, so wie Ferdinand Kellers 1912 im barocken Stil gemalte “Silberhochzeit des Kaisers” zeitgleich zu Kirchners expresssionistischem Porträt einer Frau erschien.
In der Literaturwissenschaft ist Crossmapping eine Methode, einzelne Motive über verschiedene Medien erfahrbar zu machen. Im Bereich der Bildgebung meint Crossmapping die Übertragung des Kontrastumfangs eines Bildes von einem High Dynamic Range-System in ein anderes. Literaturwissenschaftlich lässt sich ein Motiv durch Überlagerung verschiedener Medien untersuchen. Das Motiv der mörderischen Schwiegermutter wird bei Bronfen etwa mit dem mörderischen Geist des toten Vaters bei Hamlet in Beziehung gesetzt, sodass hier unterschiedliche Medien ineinandergreifen: Volksmärchen, Tragödie, Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Bühnenkunst, alles unter das Oberthema der wirklichkeitsprägenden Macht der Fiktion gestellt und um das Thema der deutschen Vergangenheitsbewältigung erweitert.
Im Ganzen gelingt Bronfen ein komplexes und hochspannendes Stück, nicht zuletzt dadurch, dass sie die Gattung des Krimis noch mit heranzieht. Der Roman liesst sich flüssig und bereitet Freude durch die sprachliche Präzision und den Reichtum in Stil und Wortschatz. Die in den zahlreichen Motiven anklingenden Bilder evozieren eine dichte Landkarte an kulturellem und literarischem Wissen, an das jede:r Leser:in anknüpfen kann. Man kann ins Buch hineinspringen wie in ein Riesenbecken und sich vom darin vorhandenen Wissen tragen lassen.