Ein wunderschönes Buch über die Liebe - so schön, dass ich entgegen meinen Gewohnheiten nicht sofort einen weiteren Roman anschliessen kann, sondern das Buch noch etwas in mir tragen und bewegen will.
Die Ich-Erzählerin Lucy Barton blickt zurück auf ihr Leben, besonders auf die Zeit, als sie vor vielen Jahren während Wochen im Spital lag und ihre Mutter sie für einige Tage besuchte, die Mutter, welche sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Bei den Gesprächen erinnert sie sich an ihre Kindheit, die Mutter, welche keine Wärme ausströmte, den Mangel an Zuwendung. Die schwierige Zeit als Kind, das aus einem armen Haus stammt. Die Anwesenheit der Mutter hat etwas Liebevolles zwischen dem Unvermögen, Zuneigung zu zeigen. Es sind auch Erinnerungen an Menschen, die sie geliebt hat, immer noch liebt, aber auch eine gegenwärtige Liebe, die sie dem Arzt gegenüber, der sich so verlässlich und menschlich um sie kümmert, ihr damit eine Art Zuhause gibt. Die Liebe zu ihren Kindern, ihrem Mann.
Ihre Gedanken im Rückblick, die Episoden aus dem Spital sind lebendig geschrieben - aber leise, mit einer leichten Melancholie, traurig und schön gleichzeitig. Man kann sich fragen, ob die Fähigkeit zu lieben, überhaupt verloren gehen kann, ausschliesslich weil man es nicht durch Erfahrung gelernt hat. Lucy Barton jedenfalls hat diese Fähigkeit immer gehabt.
Die Zeit flog nur dahin beim Lesen, ich habe das Buch in etwas mehr als einem Tag gelesen und habe mich davon eingehüllt gefühlt. Der Schreibstil hat mir ausgesprochen gut gefallen, leise, sanft, nicht romantisierend oder süss.
- Woher weiss man zum Beispiel, wie man aussieht, wenn der einzige Spiegel im Haus in der Küche hoch über der Spüle hängt und kein Mensch einem je ein Kompliment gemacht hat und die eigene Mutter den Busen, der einem wächst, mit der Bemerkung kommentiert, dass man langsam aussieht wie eine von Pedersons Kühen?
- Man kann bereit sein, auf die Kinder zu verzichten, die man sich eigentlich wünscht, man kann bereit sein, Kommentare über seine Vergangenheit, seine Kleidung an sich abprallen lassen, und dann - eine kleine Bemerkung, und die Seele fällt in sich zusammen und sagt: Oh.
- Als ich ihm das Scheit wiedergab, machte Carol Darr, ein Mädchen, das sehr beliebt war, eine abfällige Handbewegung, die, das wusste ich aus Erfahrung, auf mich gemünzt war… Und ich erinnere mich, dass Mr. Haleys (Lehrer) Gesicht rot anlief und er sagte: Erhebt euch nie über andere, so etwas dulde ich nicht in meiner Klasse, keiner hier ist etwas Besseres. Ich habe bei ein paar von euch gerade einen Ausdruck bemerkt, als würden sie sich für etwas Besseres halten, und das dulde ich nicht in meiner Klasse, habt ihr mich verstanden?
…Und mich ergriff auf der Stelle eine stumme überwältigende Liebe zu diesem Mann.
- Und darum rief ich an diesem Abend im Krankenhaus lieber nicht bei meinen Eltern an, um zu fragen, ob meine Mutter gut heimgekommen war. Stattdessen bat ich William, … und er sagte mir, ja, sie sei heil und sicher zu Hause angelangt.
“Hat sie sonst noch etwas gesagt?” fragte ich. Ich war so unfasslich traurig. Ich war auf eine Art traurig, wie eigentlich nur Kinder sind, und trauriger kann niemand sein.
“Ach, Button”, sagte mein Mann. “Button. Nein.”