Ich habe das Buch wirklich sehr gern gelesen – trotz (oder gerade wegen) seiner stillen, eigenwilligen Art. Nur der deutsche Titel hätte mich beinahe davon abgehalten, es überhaupt in die Hand zu nehmen. „Der liebevolle Jägersmann“ klingt nach etwas ganz anderem, als dieses kluge, wunderbar schräge Buch tatsächlich ist.
Wer sich dafür interessiert, wie das Leben für bürgerliche (oder leicht adlige) Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts ausgesehen hat – besonders für diejenigen, die nicht heirateten – wird hier auf erstaunlich sanfte, aber auch schmerzliche Weise abgeholt. Lolly wächst in einem Umfeld auf, in dem sie versorgt ist, aber nichts wirklich Eigenes hat. Als „alte Jungfer“ muss sie funktionieren, angepasst bleiben, freundlich, hilfsbereit – ein Leben ohne echte Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch ohne existenzielle Not. Ein stilles Leben, das fast ein Schlafzustand ist. Warner bringt das brillant und mit trockenem Witz auf den Punkt, sodass es fast weh tut – und doch nie langweilig wird.
Im zweiten Teil vollzieht Lolly einen radikalen Schritt: Sie befreit sich. Und zwar nicht laut, nicht kämpferisch – sondern durch Rückzug, durch das leise Entziehen. In einer Zeit, in der eine Frau nicht einmal allein aufs Land ziehen konnte, ohne als ungehörig zu gelten, ist das eine Form von Revolution. Und genau das macht das Buch für mich zu einem feministischen Klassiker, ganz ohne Parolen.
Dass Warner gegen Ende mit Hexerei, Teufel und schwarzer Katze arbeitet, klingt vielleicht nach Kitsch – ist es aber nicht. Es bleibt schräg, poetisch, und irgendwie völlig stimmig. Die Sprache ist literarisch, aber nicht schwer. Die Gedanken sind manchmal fast unheimlich modern. Und wer Klassiker liebt – oder einfach kluge Bücher über das Nicht-Einverstanden-Sein mit der Welt – wird hier viel finden.
Nur bitte: Lasst euch vom deutschen Titel nicht abschrecken – er passt weder zum Ton noch zum Inhalt.
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