Daniela Dröscher erzählt in Lügen über meine Mutter vom Aufwachsen im Hunsrück der 1980er Jahre. Erzählt wird aus der Sicht der Tochter Ela, acht bis zehn Jahre alt. Wir sehen die Familie durch Kinderaugen: die Mutter, die für alle sorgt – Kinder, Haushalt, die kranke Großmutter –, und den Vater, der nichts anderes tut, als ihr vorzuwerfen, sie sei zu dick und deshalb an allem schuld. Beförderung gescheitert? Die Frau ist schuld. Kein Ansehen im Dorf? Die Frau ist schuld.
Die Mutter hält alles zusammen und bekommt doch nie Anerkennung. Kein Danke, kein Respekt, keine Liebe. Sogar die Kinder übernehmen zeitweise die Sicht des Vaters. Am Ende vieler Kapitel meldet sich die erwachsene Erzählerin, die das Erlebte einordnet und den größeren Zusammenhang zeigt: wie patriarchale Strukturen wirken, wie sich Abwertung in den Alltag einschreibt.
Aber über mehr als 400 Seiten wiederholt sich das gleiche Drama, ohne Veränderung. Die Mutter will es allen recht machen, der Vater denkt nur an sich, und die Tochter bleibt mit ihren Ängsten und Unsicherheiten zurück. Für mich war das irgendwann ermüdend. Immer wieder hörte ich meine innere Stimme: Wirf ihn raus. Lass dich scheiden. Könnte nicht wenigstens einmal jemand Danke sagen?
Das Buch hat mich traurig zurückgelassen. Traurig darüber, wie eine Frau alles gibt und nichts zurückbekommt, Tag für Tag, Jahr für Jahr – und wie ein Kind diese Ohnmacht miterleben muss.
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