Fanny Was war eure erste Reaktion nach dem Lesen der letzten Seite?
Als ich das Buch beendet hatte, kam mir zuerst ein Zitat in den Sinn:
Wer einen ebenbürtigen Gegner überlebt, wird entdecken, daß ihm etwas fehlt. Otto von Bismarck
Wieso auch immer ich den Gedanken an dieses Zitat hatte.
Ehrlich gesagt, war ich ein bisschen empört und gleichzeitig ein bisschen depressiv, als ich die Geschichte beendet hatte.
Depressiv weil mich der Schreibstil und die Geschichte selber echt mental mitgenommen haben.
Empört weil in der Popkultur das Monster als Monster dargestellt wird, und Frankenstein als Genie und Opfer, vielleicht noch ein bisschen garniert mit Wahnsinn. Wie jemand vor mir schon erwähnt hat, das Monster sprach echt eloquent, und dass fehlt in den meisten Filmen die ich gesehen habe, wo das Monster vorkommt. Während Frankenstein eher der depressive Geselle als das wahnsinnige Genie ist.
Was ich aus der Geschichte mitnehme, die Moral sozusagen, dass man einfach mal Pause und einen Schritt zurückmachen sollte, um sein Schaffen aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sich zu Fragen, macht es Sinn oder mache ich nur etwas kaputt? Nicht nur für mich, sondern auch für die Menschheit.
Fanny Ist euch eine Szene oder ein Zitat besonders in Erinnerung geblieben?
Mir ist Frankensteins Narzissmus in Erinnerung geblieben, was vor allem der letzte Teil noch bestätigt hat. Es gibt einen Satz, wo er selber von sich gesagt hat, dass er weniger schuldig als Justine (S.239) sei. Da dachte ich echt: Mann! In welcher Welt lebst du?!
Auch dass er seine Geschichte Walton als Warnung erzählt aber von ihm zuletzt noch verlangt, dass er an seiner Stelle Frankenstein weiterjagt. Auch wenn er dann kurze Zeit später seine Bitte korrigierte und vorschlug, es für ihn zu beenden, falls er dem Monster per Zufall über den Weg läuft. Auch die Selbstbeweihräucherung ist mir in Erinnerung geblieben, dass er und sein Wissen für die Menschheit unverzichtbar wären, dass nur er die Gesellschaft voranbringen könne.
Auf der anderen Seite ist mir das Monster und sein Verhalten auch gut in Erinnerung geblieben. Und ich krieg meine Gedanken noch jetzt immer nicht ein, weil mein Kopf über die Morde des Geschöpfs hinwegblicken kann. Hat dass mit der Geschichte zu tun oder mit der Fähigkeit der Autorin? Ich mein ich bin mir der Morde schon bewusst und halte sich für unrecht. Aber beim Geschöpf überwiegt für mich das Gute im Gegensatz zu Frankenstein. Das Monster hat die denkbar schlechtesten Voraussetzungen. War von Anfang an gut, empfand immer Reue, egal was es tat, und hat nach meiner Meinung bei Frankensteins Aufholjagd auf ihn aufgepasst. Frankenstein selber hat ja immer von einem guten Geist geschwafelt, aber meine Gedanken haben schnell gedacht, dass das Monster ihm hilft, wenn er schläft. Und deswegen kann ich irgendwie auch die Morde verstehen. Das Geschöpf hat jeden Menschen (außer Ernest der ging im Lauf der Geschichte wohl vergessen) beseitigt, dass Frankenstein seine Aufmerksamkeit endlich auf das Geschöpf legt. Und das Geschöpf hat laut meiner Meinung diese, wenn auch eher negative, Aufmerksamkeit genossen, und als Viktor gestorben ist, hat er wohl auch keinen weiteren Lebenszweck mehr gefunden, um weiterzumachen.
Fanny Frankenstein gilt als absoluter Klassiker - eurer Meinung nach berechtigt?
Für mich ist Frankenstein ein Klassiker, Punkt. Das Buch ist aus meiner Sicht zum großen Teil so geschrieben, dass man es nicht gezwungenermaßen in einer Zeit festmachen muss. Die Themen zeitlos. Wissenschaft, bedingungsloser Fortschrittsglaube, Depressionen, Einsamkeit usw., sind auch heute noch aktuell. Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Auch heute gibt es mehr als genug Egomanenmenschen, Manipulator/innen, Kapitalismusliebhaber/innen, die denken, ihre Sicht auf die Dinge der Gesellschaft sei Gottes Geschenk an die Menschheit. Und wenn sie straucheln wird gejammert oder die Allgemeinheit für ihre Fehler verantwortlich gemacht.
Und als Schlusswort hoffe ich, dass Frankenstein auch noch mindestens 200 Jahre nach meinem Ableben gelesen wird.
Zusätzlich hoffe ich insgeheim, dass es irgendwann mal eine möglichst buchgetreue Verfilmung geben wird.